Internetsucht verstehenRatgeber

Was ist Internetsucht?

Internetsucht ist ein Alltagswort für Internetnutzungsstörungen, also eine Nutzung von Spielen, sozialen Netzwerken oder anderen Onlineangeboten, über die man die Kontrolle verliert, die immer mehr Vorrang bekommt und die trotz negativer Folgen weitergeht. Von den Formen, die die deutsche Leitlinie nennt, hat in der ICD-11 bisher nur die Computerspielstörung eine eigene Diagnose.

Ein Smartphone liegt umgedreht auf einem Holztisch neben einer Teetasse und einer Brille, dahinter ein Fenster ins Grüne
Bild: KI-generiert

Viele Menschen sind täglich online, für Arbeit, Schule, Kontakte und Unterhaltung. Von Internetsucht sprechen Fachleute erst, wenn ein Mensch die Kontrolle über die Nutzung verliert und darunter wichtige Bereiche seines Lebens leiden. In der Fachsprache heißt das Internetnutzungsstörung. Sie zählt zu den Verhaltenssüchten [1]. Bei ihnen gerät ein Verhalten außer Kontrolle, ohne dass ein Stoff wie Alkohol eingenommen wird.

Begriffe: Internetsucht, Mediensucht, Internetnutzungsstörung

Im Alltag sind viele Wörter im Umlauf: Internetsucht, Onlinesucht, Mediensucht, Handysucht. Die deutsche S1-Leitlinie "Diagnostik und Therapie von Internetnutzungsstörungen", die die Deutsche Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie (DG-Sucht) am 20.11.2024 veröffentlicht hat, spricht von Internetnutzungsstörungen [1]. Der Begriff macht deutlich, dass es selten um "das Internet" als Ganzes geht. Meist betrifft das Problem eine bestimmte Anwendung, etwa ein Spiel oder eine Plattform.

Auf dieser Seite verwenden wir das gebräuchliche Wort Internetsucht, wenn alle Formen gemeint sind, und sprechen von Menschen mit problematischer Internetnutzung. Das Wort Sucht beschreibt ein Verhalten, das außer Kontrolle geraten ist. Es sagt nichts über Willensstärke oder Charakter aus.

Die drei Kernmerkmale

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat in der elften Fassung ihrer Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-11) eine Form als eigene Diagnose aufgenommen: die Computerspielstörung, englisch Gaming Disorder, mit dem Code 6C51 [2]. Probleme mit sozialen Medien und Online-Videos beschreibt die Forschung häufig in Anlehnung an deren Kriterien [3]. Die Leitlinie nennt dieselben drei Kennzeichen für Internetnutzungsstörungen allgemein [1].

Ein junger Mann sitzt spätabends müde mit einem Spielecontroller auf dem Sofa, neben ihm eine gedimmte Lampe
Bild: KI-generiert
  1. Kontrollverlust: Beginn, Häufigkeit, Intensität, Dauer und Ende der Nutzung lassen sich nicht mehr steuern [2].
  2. Vorrang: Die Nutzung wird wichtiger als andere Interessen und alltägliche Tätigkeiten [2].
  3. Weitermachen trotz Folgen: Die Nutzung geht weiter oder nimmt zu, obwohl schon negative Folgen eingetreten sind [2].

Für eine Diagnose muss das Verhalten außerdem deutliches Leiden oder eine erhebliche Beeinträchtigung im persönlichen, familiären, sozialen, schulischen, beruflichen oder einem anderen wichtigen Lebensbereich verursachen [2]. In der Regel muss das Muster mindestens zwölf Monate lang erkennbar sein. Sind alle Kriterien erfüllt und die Beschwerden schwer, kann ein kürzerer Zeitraum genügen [2]. Die WHO betont, dass nur ein kleiner Teil der Menschen, die digital spielen, eine solche Störung entwickelt [4].

Riskante Nutzung als Vorstufe

Unterhalb der Störung kennt die ICD-11 das gefährliche Computerspielen mit dem Code QE22. Gemeint ist ein Spielmuster, das das Risiko schädlicher Folgen für die körperliche oder seelische Gesundheit spürbar erhöht, ohne dass die Kriterien der Computerspielstörung erfüllt sind [16]. Die DAK-Längsschnittstudie setzt das in eine "riskante Nutzung" um: Einzelne Kernkriterien sind teilweise erfüllt, eine Beeinträchtigung im Alltag oder deutliches Leiden besteht bisher nicht, und eine Mindestdauer gibt es nicht [3]. Ein solches Muster gilt als Warnzeichen, eine Diagnose ergibt sich daraus nicht.

Was in Deutschland gilt

Die ICD-11 gilt grundsätzlich seit dem 01.01.2022. Für Diagnosen in Praxen und Kliniken verwendet Deutschland aber weiter die ICD-10-GM. Die Umstellung wird nach Angaben des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) mehrere Jahre dauern [5]. Mehr dazu steht unter Diagnose: wann Internetnutzung als Krankheit gilt.

Formen der Internetsucht

Die S1-Leitlinie unterscheidet vier Formen [1]:

  • Computerspielstörung: übermäßiges, kaum steuerbares Spielen digitaler Spiele
  • Soziale-Netzwerke-Nutzungsstörung: problematische Nutzung von Social-Media-Plattformen
  • Pornografie-Nutzungsstörung: übermäßiger Konsum von Online-Pornografie
  • Shoppingstörung: Online-Einkäufe, die sich nicht mehr kontrollieren lassen

Nur die erste hat in der ICD-11 einen eigenen Code. Für die übrigen gibt es die Restkategorie der sonstigen näher bezeichneten Störungen durch Verhaltenssüchte. Eine internationale Gruppe um den Psychologen Matthias Brand hat geprüft, welche Verhaltensweisen dort hineinpassen könnten. Für problematische Pornografienutzung, Kaufen und Shoppen sowie die Nutzung sozialer Netzwerke sieht sie unterschiedlich starke Belege [6]. Die DAK-Studie untersucht seit 2022 außerdem Online-Videos als eigene Form [3]. Einen Überblick über alle Formen gibt Formen der Internetsucht. Um das Smartphone als Gerät geht es unter Handysucht.

Die Formen lassen sich nicht immer sauber trennen. In der DAK-Studie zeigten im Herbst 2025 16,3 Prozent der 10- bis 17-Jährigen ein problematisches Muster sowohl bei sozialen Medien als auch bei Online-Videos, 7,2 Prozent bei allen drei untersuchten Medienarten zugleich [3]. In der Lübecker Studie PINTA-DIARI zeigten sich deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern: Abhängiges Computerspielen betraf vor allem jüngere Männer, eine Abhängigkeit von sozialen Netzwerken vor allem jüngere Frauen. Die Beeinträchtigungen waren in beiden Gruppen ähnlich stark [9].

Das Glücksspiel im Netz hat eine Sonderstellung. Im amerikanischen Diagnosehandbuch DSM-5-TR ist die Glücksspielstörung die einzige auf diese Weise eingeordnete Verhaltenssucht. Der dortige Vorschlag zur Internet-Spiel-Störung schließt Online-Glücksspiel ausdrücklich aus, ebenso die allgemeine Internetnutzung, soziale Medien und Smartphones [7].

Viel online heißt nicht süchtig

Keine der Diagnosen nennt eine Stundenzahl. Entscheidend sind Kontrolle, Vorrang und Folgen [2, 7]. Wer beruflich acht Stunden am Rechner sitzt und abends eine Serie schaut, erfüllt damit kein Kriterium. Wer dagegen immer wieder länger spielt als geplant, Freunde absagt und trotz Ärger in Schule oder Beruf nicht aufhören kann, zeigt Merkmale, die zu den Kriterien gehören. Ob eine Störung vorliegt, klärt eine Fachkraft.

Eine Frau in den Dreißigern arbeitet in einem hellen Arbeitszimmer am Laptop, daneben eine Pflanze und ein Kaffeebecher
Bild: KI-generiert

Auch starke Phasen der Nutzung sind für sich noch kein Grund zur Sorge, weil das Interesse oft wieder nachlässt. Eine problematische Entwicklung verläuft meist schleichend [8]. Das Portal "Ins Netz gehen" des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) nennt Warnsignale bei Kindern und Jugendlichen [8]. Viele davon lassen sich als Denkanstoß auf das eigene Verhalten übertragen:

  • Medien dienen als Trost und als Flucht aus der realen Welt oder zur Bewältigung von Stress.
  • Die Freizeit dreht sich um Medien, frühere Hobbys werden aufgegeben.
  • Pflichten in Schule und Haushalt bleiben liegen.
  • Gesundheitliche und soziale Folgen wie Müdigkeit oder der Verlust von Kontakten werden in Kauf genommen.

Die Gruppe um Matthias Brand mahnt, Alltagsverhalten nicht vorschnell zur Krankheit zu erklären und klinisch bedeutsame Probleme trotzdem ernst zu nehmen [6]. Woran man eine Störung im Einzelnen erkennt, beschreibt Symptome der Internetsucht.

Was oft zusammen auftritt

Internetsucht kommt häufig nicht allein. In der Lübecker Studie PINTA-DIARI gingen Internetabhängigkeiten mit anderen psychischen Erkrankungen oder Persönlichkeitsstörungen einher, außerdem mit Merkmalen von Impulsivität und Aufmerksamkeitsstörungen [9]. Die Betroffenen litten dort unter deutlichen Beeinträchtigungen, beim Spielen ebenso wie bei sozialen Netzwerken und anderen Anwendungen [9]. Die Leitlinie nennt Depression, Angststörung und ADHS als Begleiterkrankungen [1].

Für Betroffene heißt das: Neben der Internetnutzung kann eine weitere Belastung bestehen, die eigene Aufmerksamkeit braucht. Welche Faktoren eine Rolle spielen, erklärt Ursachen der Internetsucht.

Warum die Einordnung als Störung wichtig ist

Die WHO hat die Computerspielstörung nach einer Prüfung der Studienlage und im Konsens von Fachleuten aus verschiedenen Fächern und Weltregionen aufgenommen. Ein Grund war, dass es in vielen Ländern bereits Behandlungsprogramme für Menschen mit diesen Beschwerden gab. Die WHO erwartet, dass Gesundheitsberufe dadurch stärker auf Risiken, Vorbeugung und Behandlung achten [4].

Die Forschung ist trotzdem jung. Die Empfehlungen der deutschen S1-Leitlinie beruhen auf einer informellen Konsensfindung von Fachleuten, und die Beweislage gilt als schwach, weil es bisher wenig belastbare Studien zu Internetnutzungsstörungen gibt [1]. Einen Schwerpunkt legt die Leitlinie auf die Frühintervention, also auf Hilfe, bevor sich ein Problem verfestigt [1]. Wie eine Behandlung aussehen kann, beschreibt Therapie bei Internetsucht.

Wie häufig Internetsucht ist

In der Studie PINTA, einer repräsentativen Erhebung in der deutschen Allgemeinbevölkerung, galten rund 1 Prozent der 14- bis 64-Jährigen als wahrscheinlich internetabhängig. Weitere 4,6 Prozent nutzten das Internet problematisch [10]. Bei Kindern und Jugendlichen von 10 bis 17 Jahren erfüllten im Herbst 2025 nach der DAK-Studie 4,5 Prozent die Kriterien einer Computerspielstörung und 6,6 Prozent die einer pathologischen Nutzung sozialer Medien [3]. Warum andere Studien zu anderen Zahlen kommen, erklärt Wie verbreitet ist Internetsucht?.

Wenn du dir Sorgen machst

Eine Diagnose stellen Ärztinnen und Ärzte oder Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten. Nach der Leitlinie gehören dazu geprüfte Fragebögen, diagnostische Interviews und eine ausführliche Vorgeschichte [1]. Für eine psychotherapeutische Sprechstunde brauchst du keine Überweisung. Dort wird geklärt, ob eine psychische Erkrankung vorliegt, ob eine Psychotherapie helfen kann und ob andere Angebote besser passen [11]. Einen ersten Eindruck gibt der Mediensucht-Test auf check-dich-selbst.de, für Jugendliche der Medienkonsum-Check. Ein Test ersetzt das Gespräch mit einer Fachkraft nicht.

Zwei Erwachsene sitzen sich an einem kleinen runden Tisch in einem ruhigen Beratungszimmer mit Pflanzen gegenüber
Bild: KI-generiert

Reden hilft oft schon vorher. Die Sucht & Drogen Hotline ist täglich von 8 bis 24 Uhr unter 01806 313031 erreichbar, ein Anruf kostet 0,20 Euro [12]. Weitere Nummern, Online-Beratung und Adressen vor Ort findest du unter Beratungsstellen und Hilfetelefone, Rat für Eltern und Partner unter Hilfe für Angehörige. Was in einzelnen Lebensphasen anders ist, zeigen Internetsucht bei Kindern und Jugendlichen und Internetsucht bei Erwachsenen.

  1. Behörde Leitlinie zu Internetnutzungsstörungen (zur S1-Leitlinie "Diagnostik und Therapie von Internetnutzungsstörungen" der DG-Sucht). Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), Ins Netz gehen. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  2. Behörde ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics: 6C51 Gaming disorder (Wiedergabe des WHO-Eintrags). Weltgesundheitsorganisation (WHO), Wiedergabe im ICD-11-Verzeichnis von CISMeF. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  3. Studie Wiedemann, H.; Busch, K.; Schlichter, N.; Gebhardt, L.; Paschke, K.: Problematische Mediennutzung bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Ergebnisbericht 2025/2026 (Studie OTTER, achte Erhebungswelle). DAK-Gesundheit, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Stand korrigierte Fassung vom 08.09.2026. abgerufen am 29.10.2026
  4. Behörde Addictive behaviours: Gaming disorder (Questions and answers). Weltgesundheitsorganisation (WHO). Stand 22.10.2020. abgerufen am 29.10.2026
  5. Behörde ICD-11. Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  6. Studie Brand, M.; Rumpf, H.-J.; Demetrovics, Z. u. a.: Which conditions should be considered as disorders in the International Classification of Diseases (ICD-11) designation of "other specified disorders due to addictive behaviors"? Journal of Behavioral Addictions 11 (2), S. 150 bis 159. PubMed, National Library of Medicine. Stand 2022, online 2020. abgerufen am 29.10.2026
  7. Organisation Internet Gaming (Physician Review: James Sherer). American Psychiatric Association (APA). Stand Januar 2023. abgerufen am 29.10.2026
  8. Behörde Anzeichen von Mediensucht bei Kindern. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), Ins Netz gehen. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  9. Studie Bischof, G.; Bischof, A.; Meyer, C.; John, U.; Rumpf, H.-J.: Prävalenz der Internetabhängigkeit, Diagnostik und Risikoprofile (PINTA-DIARI), Kurzbericht. Bundesministerium für Gesundheit, Universität zu Lübeck. Stand Projektende 31.03.2013. abgerufen am 29.10.2026
  10. Studie Rumpf, H.-J.; Meyer, C.; Kreuzer, A.; John, U.: Prävalenz der Internetabhängigkeit (PINTA), Kurzbericht. Bundesministerium für Gesundheit, Universität Lübeck. Stand Projektende 14.02.2011. abgerufen am 29.10.2026
  11. Organisation Psychotherapie. Kassenärztliche Bundesvereinigung, 116117. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  12. Behörde Sucht & Drogen Hotline. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  13. Organisation Nummer gegen Kummer: Kinder- und Jugendtelefon. Nummer gegen Kummer e. V.. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  14. Organisation TelefonSeelsorge Deutschland. TelefonSeelsorge. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  15. Organisation 116117: Der Patientenservice. Kassenärztliche Bundesvereinigung, 116117. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  16. Behörde ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics: QE22 Hazardous gaming (Wiedergabe des WHO-Eintrags). Weltgesundheitsorganisation (WHO), Wiedergabe bei Find-A-Code. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.