Internetsucht verstehenRatgeber
Diagnose: wann Internetnutzung als Krankheit gilt
Als eigene Diagnose gibt es bisher nur die Computerspielstörung (Gaming Disorder) in der ICD-11 der WHO. Sie setzt Kontrollverlust, Vorrang des Spielens vor anderen Lebensbereichen und Weiterspielen trotz negativer Folgen voraus, in der Regel über mindestens zwölf Monate. Andere Formen wie die problematische Nutzung sozialer Netzwerke werden erforscht und können als sonstige Störung durch Verhaltenssucht eingeordnet werden.

"Internetsucht" ist ein Wort aus dem Alltag. Fachleute sprechen von Internetnutzungsstörungen und meinen damit verschiedene Formen: Spielen, soziale Netzwerke, Online-Shopping oder Pornografie [1]. Eine eigene Diagnose mit festen Kriterien hat bisher nur eine davon, die Computerspielstörung [1, 2]. Für die anderen Formen gibt es Vorschläge, aber noch keine eigenen Kriterien [6].
Die Computerspielstörung in der ICD-11
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) führt die Computerspielstörung, englisch Gaming Disorder, in der elften Fassung ihrer Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-11) unter dem Code 6C51 [3]. Die WHO hat die ICD-11 Mitte 2018 vorgestellt [4]. Gemeint ist ein anhaltendes oder wiederkehrendes Spielverhalten, online oder offline, das sich an drei Merkmalen zeigt [3]:

- Die Kontrolle über das Spielen ist eingeschränkt, etwa darüber, wann es beginnt, wie oft, wie intensiv und wie lange gespielt wird und wann es endet.
- Das Spielen bekommt immer mehr Vorrang, bis es wichtiger ist als andere Interessen und alltägliche Tätigkeiten.
- Das Spielen geht weiter oder nimmt sogar zu, obwohl schon negative Folgen eingetreten sind.
Dazu kommt eine Schwelle: Das Verhalten muss deutliches Leiden oder eine erhebliche Beeinträchtigung im persönlichen, familiären, sozialen, schulischen, beruflichen oder einem anderen wichtigen Lebensbereich verursachen [3]. In der Regel muss das Muster mindestens zwölf Monate lang erkennbar sein. Sind alle Voraussetzungen erfüllt und die Beschwerden schwer, kann auch ein kürzerer Zeitraum genügen [3]. Die ICD-11 spricht allgemein von digitalem Spielen oder Videospielen und schließt ausdrücklich beides ein, das Spielen online und offline [3].
Die WHO betont, dass nur ein kleiner Teil der Menschen, die spielen, eine solche Störung entwickelt [4]. Wer viel spielt, sollte nach ihrer Empfehlung aber darauf achten, ob das Spielen andere Tätigkeiten des Alltags verdrängt und ob sich das körperliche, seelische oder soziale Befinden verändert [4].
Was in Deutschland gilt
Die ICD-11 ist am 01.01.2022 grundsätzlich in Kraft getreten [5]. In der deutschen Versorgung wird trotzdem noch nicht mit ihr verschlüsselt. Bis zur Einführung bleibt die ICD-10 die amtliche Klassifikation, für Diagnosen in Praxen und Kliniken die ICD-10-GM. Wann die ICD-11 für diesen Bereich kommt, steht nicht fest; das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) rechnet mit mehreren Jahren [5]. Eine deutsche Übersetzung, die das BfArM gemeinsam mit dem Schweizer Bundesamt für Statistik erstellt hat, liegt bisher als Testversion vor [5].
Andere Formen: soziale Netzwerke, Shopping, Pornografie
Für die übrigen Formen gibt es in der ICD-11 keinen eigenen Code. Die Klassifikation hat aber eine Restkategorie, "sonstige näher bezeichnete Störungen durch Verhaltenssüchte" mit dem Code 6C5Y. Eine internationale Gruppe um den Psychologen Matthias Brand hat 2020 untersucht, welche Verhaltensweisen dort hineinpassen könnten. Sie nennt die problematische Pornografienutzung, das Kaufen und Shoppen und die problematische Nutzung sozialer Netzwerke, mit unterschiedlich starker Beweislage [6].
Als Maßstab schlagen die Autoren drei Prüfsteine vor. Das Verhalten muss nach mehreren Studien negative Folgen und Beeinträchtigungen im Alltag haben. Es muss sich mit Theorien über Verhaltenssüchte gut erklären lassen. Und Daten aus Befragungen, Kliniken und Experimenten müssen zeigen, dass dieselben Mechanismen wirken wie bei anderen Verhaltenssüchten [6]. Gleichzeitig warnen sie davor, alltägliches Verhalten vorschnell zur Krankheit zu erklären [6].
Die deutsche S1-Leitlinie zu Internetnutzungsstörungen, federführend erstellt von der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie (DG-Sucht), betrifft nach Angaben der Fachpresse neben dem Spielen auch soziale Netzwerke, Shopping und Pornografie [1, 2]. Das Programm eines Fachsymposiums 2024 beschreibt den Hintergrund: Auch diese Nutzungsformen können zu klinisch bedeutsamen Beeinträchtigungen in wichtigen Lebensbereichen und zu suchtartigem Verhalten führen [2].
Internet Gaming Disorder im DSM-5
Neben der ICD gibt es das amerikanische Diagnosehandbuch DSM-5 der American Psychiatric Association (APA). Dort steht die Internet Gaming Disorder bisher nur in dem Teil, der Zustände für weitere Forschung vorschlägt, also noch nicht als anerkannte Diagnose im Hauptteil [7]. Vorgeschlagen sind neun Anzeichen [7]:
- ständige gedankliche Beschäftigung mit dem Spielen
- Traurigkeit, Angst oder Gereiztheit, wenn nicht gespielt werden kann
- das Bedürfnis, immer länger zu spielen
- erfolglose Versuche, weniger zu spielen oder aufzuhören
- Verlust des Interesses an anderen Tätigkeiten
- Weiterspielen trotz Problemen
- Familie oder andere über die Spielzeit täuschen
- Spielen, um schlechte Stimmung wie Schuldgefühle oder Hoffnungslosigkeit zu dämpfen
- eine Arbeitsstelle oder Beziehung wegen des Spielens gefährdet oder verloren
Für eine Diagnose müssten fünf oder mehr dieser Anzeichen innerhalb eines Jahres auftreten und deutliche Beeinträchtigung oder deutliches Leiden verursachen [7]. Der Vorschlag gilt nur für das Spielen. Die allgemeine Internetnutzung, Glücksspiel im Netz sowie soziale Medien und Smartphones sind ausdrücklich nicht gemeint [7].
ICD-11 und DSM-5 überschneiden sich also beim Kontrollverlust, beim Verdrängen anderer Tätigkeiten und beim Weitermachen trotz Folgen. Der DSM-Vorschlag nennt zusätzlich Merkmale, die aus der Suchtforschung bekannt sind, etwa das Bedürfnis nach immer mehr Spielzeit, schlechte Stimmung beim Verzicht und das Verheimlichen [7]. In der ICD-11 kommen diese Punkte als eigene Kriterien nicht vor [3].
Wer die Diagnose stellt
Eine Diagnose stellen Ärztinnen und Ärzte oder Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten. Ein einfacher Weg führt über die psychotherapeutische Sprechstunde. Dafür brauchst du keine Überweisung, du kannst eine Praxis direkt anrufen [8]. In der Sprechstunde wird geklärt, ob eine psychische Erkrankung vorliegt, ob eine Therapie helfen kann und welche Methode passt. Auch andere Wege, etwa eine Reha oder eine Selbsthilfegruppe, kommen dort zur Sprache [8]. Danach folgen bei Bedarf probatorische Sitzungen, in denen die Diagnostik vertieft wird [8].

Nach der Zusammenfassung der S1-Leitlinie in der Fachpresse wird die Diagnose mit Hilfe geprüfter Fragebögen gestellt [1]. Wichtig ist auch der Blick auf andere Beschwerden: Begleiterkrankungen wie eine Depression oder ADHS sollen nach der Leitlinie wie sonst üblich behandelt werden [1]. Wenn du zuerst mit jemandem sprechen möchtest, ohne gleich eine Praxis aufzusuchen, sind Suchtberatungsstellen eine gute Adresse. Eine Übersicht steht unter Beratungsstellen und Hilfetelefone.
Wie ein solcher Fragebogen in der Forschung eingesetzt wird, zeigt eine Studie aus Deutschland und Österreich. Dort maßen die Fachleute die Schwere der Internet- und Computerspielsucht mit der Skala AICA-S (Assessment of Internet and Computer Game Addiction) und werteten die Behandlung danach aus, wie viele Teilnehmer unter einen festgelegten Grenzwert fielen [15]. Solche Werte helfen beim Einordnen. Die Diagnose selbst ergibt sich aber aus dem Gespräch und den Kriterien der Klassifikation.
Ein Online-Test gibt dir eine erste Einschätzung, ersetzt aber das Gespräch in der Praxis nicht. Für Erwachsene gibt es den Mediensucht-Test auf check-dich-selbst.de, für Jugendliche den Medienkonsum-Check.
Viel online zu sein ist noch keine Störung
Keines der Kriterien nennt eine Zahl von Stunden. Entscheidend sind Kontrollverlust, der Vorrang vor anderen Lebensbereichen und die Folgen [3, 7]. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) und der Fachverband Medienabhängigkeit schreiben in einem Diskussionspapier, dass exzessives Spielen in Kindheit und Jugend die hauptsächliche Freizeitbeschäftigung sein kann und dabei typische Konflikte des Jugendalters auftreten können, die zur normalen Entwicklung gehören und in der Regel von allein wieder abnehmen [9]. Vom problematischen Spielen unterscheiden sie das durch die typischen Folgen, etwa wenn andere Interessen und Pflichten vernachlässigt werden oder sich jemand sozial zurückzieht [9].
Welche Anzeichen im Alltag auffallen, beschreibt Symptome der Internetsucht. Die verschiedenen Nutzungsformen erklärt Formen der Internetsucht, und wie eine Behandlung abläuft, steht unter Therapie bei Internetsucht.
Was eine Diagnose bringt
Mit der Aufnahme in die ICD-11 rückt die Computerspielstörung stärker in den Blick von Fachleuten. Die WHO erwartet, dass Gesundheitsberufe dadurch mehr auf Vorbeugung und Behandlung achten. Die Aufnahme folgte außerdem darauf, dass bereits Behandlungsprogramme für Menschen mit genau diesen Beschwerden entstanden waren [4]. Im Alltag der Versorgung führt der Weg zur Behandlung über die psychotherapeutische Sprechstunde. Eine Akutbehandlung in einer akuten Krise kann direkt danach beginnen, ohne Antrag bei der Krankenkasse. Für eine längere Therapie wird ein Antrag bei der Krankenkasse gestellt [8].
Für die anderen Formen ist die Lage offener, weil es keinen eigenen Code gibt. Fachleute diskutieren, ob sie über die Restkategorie 6C5Y eingeordnet werden können [6]. Hilfe bekommst du trotzdem: In einer Beratungsstelle kannst du offen sprechen und entwickelst gemeinsam mit der Beraterin oder dem Berater einen Plan, wie du dein Medienverhalten ändern kannst [10].
- Internetnutzungsstörung: Erste Leitlinie veröffentlicht (zur S1-Leitlinie Diagnostik und Therapie von Internetnutzungsstörungen, AWMF-Register 076-011). PTAheute, Deutscher Apotheker Verlag. Stand 26.02.2025. abgerufen am 29.10.2026
- Fachgesellschaft Behandlung von Internetnutzungsstörungen: Was hilft? Entwicklung der AWMF S1-Leitlinie (Programminformation, Vortrag Dr. Anja Bischof, 13. Symposium). Fachverband Medienabhängigkeit e. V.. Stand 04.06.2024. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics: 6C51 Gaming disorder (Wiedergabe des WHO-Eintrags). Weltgesundheitsorganisation (WHO), Wiedergabe im ICD-11-Verzeichnis von CISMeF. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Addictive behaviours: Gaming disorder (Questions and answers). Weltgesundheitsorganisation (WHO). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde ICD-11. Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Brand, M.; Rumpf, H.-J.; Demetrovics, Z. u. a.: Which conditions should be considered as disorders in the International Classification of Diseases (ICD-11) designation of "other specified disorders due to addictive behaviors"? Journal of Behavioral Addictions 11 (2), S. 150 bis 159. Akadémiai Kiadó. Stand 2022, online 2020. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Internet Gaming (Physician Review: James Sherer). American Psychiatric Association (APA). Stand Januar 2023. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Psychotherapie. Kassenärztliche Bundesvereinigung, 116117. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Problematisches Computerspielen und Computerspielstörung (Gaming Disorder): neues Diskussionspapier (zum Papier von DHS und Fachverband Medienabhängigkeit). Der Paritätische Gesamtverband. Stand 25.06.2020. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Wo finde ich Hilfe bei Handysucht, Computersucht und Internetsucht?. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), Ins Netz gehen. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Behörde Sucht & Drogen Hotline. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Nummer gegen Kummer: Kinder- und Jugendtelefon. Nummer gegen Kummer e. V.. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation TelefonSeelsorge Deutschland. TelefonSeelsorge. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation 116117: Der Patientenservice. Kassenärztliche Bundesvereinigung, 116117. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Studie Wölfling, K.; Müller, K. W.; Dreier, M. u. a.: Efficacy of Short-term Treatment of Internet and Computer Game Addiction: A Randomized Clinical Trial. JAMA Psychiatry 76 (10), S. 1018 bis 1025. American Medical Association. Stand 2019. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.
Weitere Artikel
VerstehenWie verbreitet ist Internetsucht?Wie viele Menschen eine Internetsucht haben: Zahlen aus PINTA, DAK-Studie 2025 und BZgA, weltweite Schätzungen und warum die …
VerstehenHandysuchtWas hinter Handysucht steckt, welche Anzeichen es gibt, wie Apps an das Smartphone binden und was Studien über weniger …
HilfeRückfälle vermeidenAusrutscher oder Rückfall? Typische Auslöser, ein Notfallplan und was nach einem Rückschlag hilft, für Betroffene und …