Internetsucht verstehenRatgeber

Handysucht: wenn das Smartphone nicht mehr aus der Hand geht

Handysucht ist keine eigene Diagnose. Gemeint ist eine problematische Smartphone-Nutzung, bei der vor allem Anwendungen wie soziale Netzwerke, Spiele oder Videos die Kontrolle übernehmen. Anzeichen sind etwa der ständige Blick aufs Display, Unruhe ohne Handy und vernachlässigte Hobbys, Familie und Freundschaften.

Ein umgedrehtes Smartphone liegt am Morgen auf einem Holztisch neben einer Tasse Tee und einer kleinen Topfpflanze
Bild: KI-generiert

Das Smartphone ist für die meisten ein ständiger Begleiter. In einer Umfrage des Digitalverbands Bitkom vom Januar 2025 schätzten Menschen ab 16 Jahren ihre tägliche Nutzungszeit auf durchschnittlich 155 Minuten, zwei Jahre vorher waren es 143 Minuten. 82 Prozent der Smartphone-Nutzerinnen und -Nutzer sagten, sie könnten sich ein Leben ohne das Gerät nicht mehr vorstellen [3]. Viel Nutzung allein ist noch kein Problem. Schwierig wird es, wenn Hobbys, Familie und Freundschaften zu kurz kommen [4].

Ist Handysucht eine Diagnose?

Eine eigene Diagnose "Handysucht" gibt es weder in der ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation noch im US-amerikanischen DSM-5 [1, 2]. Die American Psychiatric Association (APA) schließt Smartphone-Nutzung bei ihren vorgeschlagenen Kriterien zur Internet Gaming Disorder sogar ausdrücklich aus, ebenso soziale Medien und allgemeine Internetnutzung [1]. Das Portal "Erste Hilfe Internetsucht" der Universitätsklinik Tübingen hält fest, dass niemand vom Internet selbst oder vom Gerät abhängig ist. Problematisch werden bestimmte Anwendungen, die für die jeweilige Person typisch sind [11].

In Studien ist deshalb meist von problematischer Smartphone-Nutzung die Rede [7], und es lohnt sich zu fragen, wofür das Handy genutzt wird. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) nennt als Formen von Internetnutzungsstörungen digitale Spiele, soziale Netzwerke, Onlineshopping und Online-Pornografie [12]. Alle laufen heute auch über das Smartphone. Für soziale Netzwerke, Shopping und Pornografie prüfen Forschende, ob sie als "sonstige Störung durch Verhaltenssucht" in die ICD-11 passen [2]. Einen Überblick gibt Formen der Internetsucht.

Was das Handy so fesselnd macht

Viele Apps sind darauf ausgelegt, dass man länger bleibt. Das Präventionsportal "Ins Netz gehen" des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) nennt die wichtigsten Zeitfallen [5]:

Eine junge Frau sitzt abends auf dem Sofa und blickt auf ihr Smartphone, von hinten über die Schulter gesehen
Bild: KI-generiert
  • Endloses Scrollen: Bei vielen sozialen Netzwerken gibt es scheinbar kein Ende der Inhalte.
  • Nachladen durch Herunterziehen: Neue Inhalte erscheinen mit einer Wischbewegung.
  • Likes und Reaktionen: Sie fühlen sich gut an, weil Dopamin ausgeschüttet wird, und verleiten zum ständigen Nachsehen.
  • Push-Nachrichten: Sie erscheinen auch bei gesperrtem Display und erinnern an Apps, die man gerade nicht nutzt.
  • Belohnungen und Challenges: Viele Spiele-Apps belohnen das tägliche Öffnen, Wettkämpfe erzeugen Zeitaufwand und Gruppendruck.
  • Virtuelle Währung: Sie gibt es für Fortschritte, sie lässt sich aber auch gegen echtes Geld kaufen.

Viele dieser Methoden setzen an der Angst an, etwas zu verpassen, englisch Fear of Missing Out (FOMO) [5]. Ständige Erreichbarkeit verstärkt diese Sorge zusätzlich [4]. Das Portal rät, die Mechanismen zu kennen, weil sie sich dann leichter durchschauen lassen [5].

Beim Doomscrolling, dem endlosen Scrollen durch belastende oder schlicht zu viele Inhalte, wirken nach "Ins Netz gehen" sogar schlechte Nachrichten als Reiz, weil das Gehirn mögliche Gefahren sofort prüfen will. Junge Menschen haben es dabei schwerer: Der präfrontale Cortex, der Impulse bremst, ist laut dem Portal erst mit etwa 25 Jahren ausgereift [10]. Warum manche Menschen stärker in solche Muster geraten als andere, erklärt Ursachen der Internetsucht.

Anzeichen problematischer Handynutzung

"Ins Netz gehen" hat typische Anzeichen zusammengestellt [4]. Der erste und der letzte Blick des Tages gilt dem Handy. Ohne Handy oder mit leerem Akku fühlt man sich hilflos. Man denkt ständig an das Gerät und schaut ohne Anlass auf das Display, verpasst dabei Dinge in der Umgebung und kommuniziert mehr über das Handy als persönlich. Das Smartphone dient regelmäßig dazu, die Stimmung zu heben oder Stress abzubauen. Andere Hobbys verlieren an Bedeutung, Familie und Freundschaften kommen zu kurz. Auch Schmerzen in Fingern, Handgelenken, Schultern oder Nacken gehören zur Liste [4].

Das Portal betont, dass diese Punkte stark von der Person abhängen. Wenn einige zutreffen, heißt das nicht automatisch, dass ein Problem besteht. Ernst wird es, wenn Freundschaften, Familie oder Schule leiden [4]. Eine ausführliche Übersicht über alle Formen hinweg steht unter Symptome der Internetsucht.

Wer wie viel am Handy ist

Die Bitkom-Umfrage zeigt große Unterschiede zwischen den Altersgruppen. Befragt wurden 1.004 Menschen ab 16 Jahren, davon 827 private Smartphone-Nutzerinnen und -Nutzer. Die Zahlen beruhen auf Selbstschätzungen [3]. 66 Prozent der Nutzerinnen und Nutzer gaben an, dass ihnen das Smartphone im Alltag Sicherheit gibt. Zugleich stört es 73 Prozent, wenn andere bei einem Treffen nur auf ihr Gerät schauen, und 63 Prozent, wenn kleine Kinder Smartphones nutzen [3].

Pendlerinnen und Pendler unterschiedlichen Alters warten morgens am Bahnsteig, viele schauen auf ihr Handy
Bild: KI-generiert
AltersgruppeMinuten pro Tag 2025Minuten pro Tag 2023
alle ab 16 Jahren155143
16 bis 29 Jahre212177
30 bis 49 Jahre158151
50 bis 64 Jahre148144
ab 65 Jahren10380

Für Jüngere liefert die Längsschnittstudie der DAK-Gesundheit Zahlen, die das Deutsche Zentrum für Suchtfragen des Kinder- und Jugendalters am UKE Hamburg-Eppendorf erhebt. Die befragten 10- bis 17-Jährigen verbrachten im Herbst 2025 an Werktagen im Schnitt 146 Minuten am Tag mit sozialen Medien, am Wochenende 201 Minuten. 6,6 Prozent zeigten eine pathologische Social-Media-Nutzung [8]. Mädchen spielen der Studie zufolge häufiger am Smartphone, Jungen eher an Konsole oder Computer [8]. Wie viele Menschen insgesamt betroffen sind, beschreibt Wie verbreitet ist Internetsucht?

Was weniger Handyzeit bringt

Ob weniger Smartphone gut tut, hat eine Gruppe um die Psychologin Julia Brailovskaia an der Ruhr-Universität Bochum untersucht. Von 619 Teilnehmenden verzichteten 200 eine Woche ganz auf ihr Smartphone, 226 nutzten es täglich eine Stunde weniger, 193 änderten nichts. In beiden Interventionsgruppen stiegen Lebenszufriedenheit und körperliche Aktivität, Depressions- und Angstsymptome gingen zurück. Die Zahl der täglich gerauchten Zigaretten sank nur in der Gruppe mit einer Stunde weniger. Vier Monate später nutzte die Gruppe mit einer Stunde weniger das Handy im Schnitt 45 Minuten am Tag weniger als zuvor, die Verzichtsgruppe 38 Minuten. Bei der Reduktion hielten die meisten Effekte länger und stabiler an als beim völligen Verzicht [6].

Eine zweite Bochumer Studie mit 278 Berufstätigen kam zu einem ähnlichen Ergebnis. Wer eine Woche lang privat eine Stunde weniger am Smartphone verbrachte, berichtete von mehr Arbeitszufriedenheit und Motivation, einer besseren Balance zwischen Arbeit und Privatleben und besserer psychischer Gesundheit. Das Gefühl der Überlastung und Anzeichen problematischer Smartphone-Nutzung gingen zurück [7]. Die erste Studie lief mit Smartphone-Nutzenden in Deutschland, die zweite mit Beschäftigten aus verschiedenen Branchen. Eine Behandlung bei ausgeprägten Problemen können sie nicht ersetzen.

Handy und Schlaf

Am Abend kann das Smartphone den Schlaf beeinflussen. "Ins Netz gehen" erklärt, dass helles Bildschirmlicht dem Körper Tageslicht vortäuscht und die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin verringert, dass spannende Inhalte wachhalten und dass Nutzung bis kurz vor dem Einschlafen die Nacht verkürzt [9]. Bei Jugendlichen wird Melatonin ohnehin später ausgeschüttet. Hinter der abendlichen Nutzung stehen nach dem Portal oft Selbstdarstellung, Kontakte zur Gruppe und die Angst, etwas zu verpassen [9]. Welche Folgen zu wenig Schlaf hat, beschreibt Folgen der Internetsucht für Körper, Psyche und Alltag.

Das Handy wieder bewusster nutzen

Für den Alltag empfiehlt "Ins Netz gehen" eine Reihe kleiner Schritte [4, 5]. Töne und Push-Nachrichten lassen sich ausschalten, eine aufwendigere Bildschirmsperre bremst den Griff zum Gerät. Feste handyfreie Zeiten helfen, etwa bei den Hausaufgaben oder in der Familienzeit, wenn das Handy außer Reichweite liegt. Anwesende Menschen haben Vorrang vor dem Handy. Mit Freundinnen und Freunden lässt sich vereinbaren, sich gegenseitig mehr Zeit für Antworten zu geben. Die Funktionen "Digitales Wohlbefinden" unter Android und "Bildschirmzeit" unter iOS zeigen die Nutzungszeit je App, setzen Limits und warnen bei Überschreitung [5].

In einem Korb auf einer Flurkommode liegen zwei umgedrehte Smartphones neben Schlüsseln und einem Schal
Bild: KI-generiert

Für den Schlaf rät das Portal, das Smartphone etwa eine Stunde vor dem Schlafengehen wegzulegen [4], einen Wecker statt des Handys zu verwenden und das Gerät nicht im Schlafzimmer zu laden [9]. Beim Lernen hilft es, das Handy außer Sicht zu legen, weil schon ein sichtbares Smartphone Aufmerksamkeit kosten kann. Vor dem Entsperren schlägt das Portal eine kurze Pause von zehn Sekunden vor, um zu prüfen, ob man das Handy gerade wirklich braucht [10]. Weitere Schritte stehen unter Gesunde Internetnutzung im Alltag und Digital Detox: Pausen vom Netz. Für gemeinsame Abende ohne Display eignen sich Brettspiele zu zweit.

Wann Hilfe sinnvoll ist

Wenn Freundschaften, Familie oder Schule leiden, ist ein Gespräch mit einer Vertrauensperson oder einer Fachkraft sinnvoll. "Ins Netz gehen" verweist dafür auf Online-Beratung und einen Selbsttest [4]. Eine erste Einschätzung bietet der Mediensucht-Test auf check-dich-selbst.de, Jugendliche finden den Medienkonsum-Check. Suchtberatungsstellen beraten kostenlos, Adressen und Hilfetelefone stehen unter Beratungsstellen und Hilfetelefone.

  1. Organisation Internet Gaming. American Psychiatric Association (APA). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  2. Studie Brand, M.; Rumpf, H.-J.; Demetrovics, Z. u. a.: Which conditions should be considered as disorders in the International Classification of Diseases (ICD-11) designation of "other specified disorders due to addictive behaviors"? Journal of Behavioral Addictions 11 (2), S. 150 bis 159, DOI 10.1556/2006.2020.00035. National Library of Medicine, PubMed. Stand 2022 (online 2020). abgerufen am 29.10.2026
  3. Organisation Erstmals mehr als 40 Mrd. Euro Umsatz rund um Smartphones (Presseinformation). Bitkom e. V.. Stand 20.02.2025. abgerufen am 29.10.2026
  4. Behörde Wenn die Handynutzung zum Problem wird: Anzeichen einer Smartphonesucht erkennen. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), Ins Netz gehen. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  5. Behörde Zu viel Zeit am Handy?. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), Ins Netz gehen. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  6. Studie Weniger Smartphone, mehr Wohlbefinden (Meldung zu Brailovskaia, J.; Delveaux, J.; John, J.; Wicker, V.; Noveski, A.; Kim, S.; Schillack, H.; Margraf, J., Journal of Experimental Psychology: Applied, DOI 10.1037/xap0000430). Ruhr-Universität Bochum. Stand 20.04.2022. abgerufen am 29.10.2026
  7. Studie Reducing Smartphone Use Increases Work Satisfaction (zu Brailovskaia, J.; Siegel, J.; Precht, L.-M.; Friedrichs, S.; Schillack, H.; Margraf, J., Acta Psychologica, DOI 10.1016/j.actpsy.2024.104494). Ruhr-Universität Bochum. Stand 16.10.2024. abgerufen am 29.10.2026
  8. Behörde DAK-Suchtstudie: Problematische Mediennutzung bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland, Ergebnisbericht 2025/2026 (Wiedemann, H.; Busch, K.; Schlichter, N.; Gebhardt, L.; Paschke, K., DAK-Gesundheit 2026). Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), Ins Netz gehen. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  9. Behörde Stören digitale Medien den Schlaf?. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), Ins Netz gehen. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  10. Behörde Doomscrolling beim Lernen. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), Ins Netz gehen. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  11. Organisation Was ist Internetsucht?. Erste Hilfe Internetsucht, Sektion Suchtmedizin und Suchtforschung, Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie Tübingen. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  12. Fachgesellschaft Digitale Medien und Internet: Formen und Risiken. Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e. V. (DHS). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  13. Behörde Sucht & Drogen Hotline. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  14. Organisation TelefonSeelsorge Deutschland. TelefonSeelsorge. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  15. Organisation Nummer gegen Kummer: Kinder- und Jugendtelefon. Nummer gegen Kummer e. V.. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.