Internetsucht verstehenRatgeber

Symptome der Internetsucht

Typische Symptome sind eingeschränkte Kontrolle über die Nutzung, ein wachsender Vorrang des Internets vor anderen Interessen und Pflichten und das Weitermachen trotz negativer Folgen. Dazu kommen oft Gereiztheit oder Unruhe ohne Netz, Heimlichkeit, Rückzug und Schlafmangel. Ob eine Störung vorliegt, kann nur eine Fachkraft beurteilen.

Eine Frau sitzt spätabends auf der Bettkante im Licht einer kleinen Nachttischlampe, das Smartphone liegt umgedreht daneben
Bild: KI-generiert

Eine Stundenzahl, ab der Internetnutzung sicher zum Problem wird, gibt es nicht. Die Entwicklung verläuft meist schleichend, und intensive Phasen mit einem neuen Spiel oder einer neuen App klingen oft von selbst wieder ab [5]. Die fachlichen Kriterien beschreiben deshalb ein Muster: Wer hat die Kontrolle, was wird verdrängt, und was geschieht, wenn das Netz fehlt [1, 2]? Nicht alle Anzeichen müssen zutreffen, und manche haben andere Ursachen [8]. Die folgenden Merkmale helfen beim Einordnen. Eine Diagnose stellen können nur Fachleute.

Die drei Kernmerkmale

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beschreibt die Computerspielstörung in der ICD-11 mit drei Merkmalen. Sie gelten formal nur für die Computerspielstörung und dienen hier als grobe Orientierung für andere Formen problematischer Internetnutzung. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) gibt sie so wieder [1, 2]:

  1. Die Kontrolle ist eingeschränkt: über Beginn, Dauer, Häufigkeit und den Zusammenhang, in dem genutzt wird.
  2. Die Nutzung bekommt immer mehr Vorrang vor anderen Interessen und alltäglichen Tätigkeiten.
  3. Sie geht weiter oder nimmt zu, obwohl negative Folgen schon spürbar sind.

Hinzukommen müssen deutliche Beeinträchtigungen im persönlichen, familiären, sozialen, schulischen oder beruflichen Leben oder ein deutlicher Leidensdruck [2]. Nach Angabe der DHS kann die Diagnose gestellt werden, wenn diese Verhaltensweisen seit mindestens zwölf Monaten bestehen, bei starker Ausprägung aller Symptome auch nach kürzerer Zeit [2]. Die WHO betont, dass nur ein kleiner Teil der Menschen, die spielen, eine solche Störung entwickelt [1]. Auch das Tübinger Portal "Erste Hilfe Internetsucht" betont, dass intensive Nutzung nicht automatisch Sucht bedeutet: Viel Zeit und Freude an einer Tätigkeit können schlicht Interesse sein [9].

Die neun Kriterien aus dem DSM-5

Das US-amerikanische Diagnosehandbuch DSM-5 führt die Internet Gaming Disorder als Störungsbild, das weiter erforscht werden soll. Die American Psychiatric Association (APA) nennt dafür neun vorgeschlagene Symptome [3]:

KriteriumWas gemeint ist
Gedankliche VereinnahmungDas Spielen beschäftigt einen auch dann, wenn man nicht spielt.
EntzugserscheinungenTraurigkeit, Angst oder Reizbarkeit, wenn Spielen nicht möglich ist
ToleranzEs braucht immer mehr Spielzeit, um das Verlangen zu stillen.
KontrollverlustVersuche, weniger zu spielen oder aufzuhören, scheitern.
InteressenverlustAndere Tätigkeiten, die früher Freude gemacht haben, werden aufgegeben.
Weitermachen trotz ProblemenDas Spielen geht weiter, obwohl es Schwierigkeiten verursacht.
TäuschungFamilie oder andere werden über die Spielzeit belogen.
Flucht vor GefühlenSpielen soll Schuldgefühle, Hoffnungslosigkeit oder andere negative Stimmungen lindern.
GefährdungEin Arbeitsplatz oder eine Beziehung wurde wegen des Spielens gefährdet oder verloren.

Für die vorgeschlagene Diagnose müssen mindestens fünf der neun Kriterien innerhalb von zwölf Monaten auftreten und deutliche Beeinträchtigung oder Leidensdruck verursachen [3, 4]. Die Kriterien gelten nur für Spiele, online wie offline. Allgemeine Internetnutzung, Online-Glücksspiel, soziale Medien und Smartphone-Nutzung schließt die APA ausdrücklich aus [3]. Wie ICD-11 und DSM-5 sich unterscheiden, erklärt Diagnose: wann Internetnutzung als Krankheit gilt.

Anzeichen im Alltag

Im Alltag zeigen sich diese Merkmale oft an kleinen Gewohnheiten. Das Präventionsportal "Ins Netz gehen" des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) nennt für das Smartphone unter anderem: Der erste und der letzte Blick am Tag gilt dem Handy. Ohne Handy oder mit leerem Akku fühlt man sich hilflos. Man schaut ohne Anlass auf das Display, verpasst Dinge in der Umgebung, kommuniziert mehr über das Handy als persönlich, und Hobbys, Familie und Freundschaften kommen zu kurz [6].

Zwei Menschen sitzen im Café an einem Tisch, eine Person schaut aus dem Fenster, die andere auf ihr Handy
Bild: KI-generiert

Bei sozialen Netzwerken kommen weitere Zeichen hinzu: sofort zum Handy greifen, sobald eine Benachrichtigung kommt oder eine Minute frei ist, Erlebnisse danach bewerten, ob sie sich für einen Beitrag eignen, und Fragen von Freunden oder Eltern zur eigenen Nutzung ausweichen [7]. Typisch ist auch, dass Verabredungen abgesagt werden, um länger online zu bleiben, und dass die Nutzung vor Eltern, Freundinnen und Freunden verheimlicht wird [8]. Das Portal betont, dass einzelne Punkte stark von der Person abhängen und nicht automatisch ein Problem bedeuten. Ernst wird es, wenn Freundschaften, Familie oder Schule leiden [6]. Die Selbsteinschätzung des Tübinger Portals fragt in diese Richtung: ob andere Lebensbereiche beeinträchtigt sind, ob Interessen verloren gegangen sind, ob noch Zeit für Freunde, Familie und Partnerschaft bleibt und ob Schule, Studium oder Beruf noch erfüllt werden [9].

Gefühle und Stimmung

Viele Anzeichen betreffen das Innenleben. Als typische Warnzeichen nennt "Ins Netz gehen" ein starkes Verlangen nach der Nutzung und Gedanken, die auch offline um Online-Aktivitäten kreisen [8]. Ohne Internetzugang können Nervosität, Reizbarkeit oder Traurigkeit auftreten, und das Surfen dient als Ablenkung oder Stimmungsaufheller, wenn die Laune schlecht ist [8]. Die Zusammenfassung der S1-Leitlinie beschreibt als DSM-5-Kriterium negative Zustände wie Unruhe, Angst oder Traurigkeit, wenn die Nutzung nicht möglich ist [4]. Das Handy wird regelmäßig genutzt, um die Stimmung zu heben oder Stress abzubauen [6]. Bei sozialen Netzwerken können wenige Likes Traurigkeit oder Enttäuschung auslösen [7], und unerreichbare Ideale im Feed führen zu Unzufriedenheit und Selbstzweifeln [8].

Ein junger Mann sitzt in der Dämmerung nachdenklich auf dem Balkon, neben ihm liegt ein umgedrehtes Smartphone
Bild: KI-generiert

Das Tübinger Portal fragt in seiner Selbsteinschätzung auch nach Schuldgefühlen, nach einem Gefühl der Leere und nach Druck, wenn man versucht, weniger Zeit online zu verbringen [9]. Ein weiteres Signal ist die Frage, ob man offen über die eigene Nutzung sprechen kann [9].

Körperliche Anzeichen

Auch Traurigkeit oder Schlafprobleme können andere Ursachen haben [8]. Wer spät abends online ist, schläft schlechter ein und erholt sich zu wenig, auf Dauer entsteht Erschöpfung [8]. "Ins Netz gehen" nennt außerdem Schmerzen in Fingern, Handgelenken, Schultern oder Nacken [6] und beschreibt bei Kindern anhaltende Müdigkeit und Haltungsschäden, die in Kauf genommen werden [5]. Die Selbsteinschätzung des Tübinger Portals fragt ausdrücklich, ob Schlaf, Ernährung und Bewegung unter der Nutzung leiden [9]. Welche Folgen sich daraus entwickeln können, beschreibt Folgen der Internetsucht für Körper, Psyche und Alltag.

Ein Mann in den Vierzigern sitzt im Homeoffice am Schreibtisch und reibt sich den Nacken, vor ihm ein zugeklappter Laptop
Bild: KI-generiert

Wie sich Anzeichen gegenseitig verstärken

Einzelne Anzeichen bleiben selten für sich. "Ins Netz gehen" beschreibt bei sozialen Netzwerken einen Fluchtweg: Bei Langeweile, schlechter Laune oder Kummer hilft der Feed, die echte Welt zu vergessen. Die Aufheiterung hält aber nur kurz, danach braucht es neue Ablenkung, und das ursprüngliche Problem bleibt ungelöst [7]. Ähnlich beim Schlaf: Mediennutzung bis kurz vor dem Einschlafen verkürzt die Nacht, die Müdigkeit am Tag führt zu weniger Bewegung und weniger Kontakten, das bringt den Tag-Nacht-Rhythmus durcheinander und verleitet wieder zum Griff nach dem Gerät [14]. Schlafprobleme können dabei auch die Ursache der Nutzung sein, etwa wenn Jugendliche mit dem Smartphone Sorgen verdrängen. Das Portal hält fest, dass sich beides gegenseitig bedingen kann [14]. Auch der Übergang von normaler zu problematischer Nutzung verläuft nach seiner Beschreibung schleichend [7].

Bei Kindern und Jugendlichen

Eltern erkennen eine problematische Entwicklung oft zuerst an Veränderungen. "Ins Netz gehen" nennt als besondere Anzeichen, dass ein Kind Medien nutzt, um Trost zu finden, der realen Welt zu entkommen oder Stress zu bewältigen. Medien werden wichtiger als die reale Welt und bestimmen die Freizeit, frühere Hobbys werden aufgegeben, Pflichten in Schule und Haushalt bleiben liegen, und gesundheitliche oder soziale Nachteile werden in Kauf genommen [5]. Hilfreich ist, eine Weile zu beobachten, wie lange und wofür Medien genutzt werden. Das BIÖG bietet dafür ein Medientagebuch an. Auch das eigene Bauchgefühl zählt, vor allem wenn sich ein Kind auffällig anders verhält als sonst [5].

Wenn das Gespräch gesucht wird, rät das Portal, ruhig und einfühlsam zu bleiben, auf Vorwürfe und strikte Verbote zu verzichten und gemeinsam Vereinbarungen zu treffen. Dass ein Kind Probleme zunächst abstreitet, ist laut dem Portal möglich [5]. Mehr dazu steht unter Hilfe für Angehörige.

Riskant oder schon krankhaft

Zwischen unproblematischer Nutzung und einer Störung liegt eine Grauzone. Die Längsschnittstudie der DAK-Gesundheit mit dem Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kinder- und Jugendalters am UKE Hamburg-Eppendorf unterscheidet zwei Stufen. Bei riskanter Nutzung können sich erste negative Folgen zeigen, etwa Schlaf- und Bewegungsmangel oder vernachlässigte andere Aktivitäten. Bei pathologischer Nutzung zeigen Betroffene starke Entzugserscheinungen, vernachlässigen soziale Kontakte oder können ihr Verhalten trotz negativer Folgen nicht steuern [10].

Für eine erste Einordnung stellt das Tübinger Portal drei Leitfragen: Habe ich die Kontrolle? Funktioniert mein Alltag? Leide ich darunter [9]? Fachleute arbeiten mit standardisierten Fragebögen. Die Zusammenfassung der S1-Leitlinie bei "Ins Netz gehen" nennt etwa die Compulsive Internet Use Scale (CIUS) mit 14 Aussagen, dazu Fragebögen des Hamburger Zentrums für Suchtfragen des Kinder- und Jugendalters für Computerspiele, soziale Medien und Streaming. Der Selbsttest von "Ins Netz gehen" beruht auf der CIUS und einer Skala zur Computerspielabhängigkeit [4]. Wer bei mehreren Leitfragen zögert, kann den Mediensucht-Test auf check-dich-selbst.de machen. Jugendliche finden den Medienkonsum-Check. Eine ausführliche Liste mit Warnzeichen enthält Mediensucht: Woran du sie erkennst. Ein Testergebnis ersetzt kein Gespräch mit einer Fachkraft. Kostenlose Beratung, auf Wunsch anonym, findest du über Beratungsstellen und Hilfetelefone.

  1. Behörde Addictive behaviours: Gaming disorder (Questions and answers). Weltgesundheitsorganisation (WHO). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  2. Fachgesellschaft Digitale Medien und Internet: Formen und Risiken. Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e. V. (DHS). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  3. Organisation Internet Gaming. American Psychiatric Association (APA). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  4. Behörde Leitlinie Internetnutzungsstörung (zur S1-Leitlinie "Diagnostik und Therapie von Internetnutzungsstörungen" der DG-Sucht, 20.11.2024). Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), Ins Netz gehen. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  5. Behörde Anzeichen von Mediensucht bei Kindern. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), Ins Netz gehen. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  6. Behörde Wenn die Handynutzung zum Problem wird: Anzeichen einer Smartphonesucht erkennen. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), Ins Netz gehen. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  7. Behörde Wie viel Social Media ist gesund?. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), Ins Netz gehen. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  8. Behörde Auswirkungen von Internetnutzung. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), Ins Netz gehen. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  9. Organisation Was ist Internetsucht?. Erste Hilfe Internetsucht, Sektion Suchtmedizin und Suchtforschung, Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie Tübingen. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  10. Behörde DAK-Suchtstudie: Problematische Mediennutzung bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland, Ergebnisbericht 2025/2026 (Wiedemann, H.; Busch, K.; Schlichter, N.; Gebhardt, L.; Paschke, K., DAK-Gesundheit 2026). Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), Ins Netz gehen. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  11. Behörde Sucht & Drogen Hotline. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  12. Organisation TelefonSeelsorge Deutschland. TelefonSeelsorge. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  13. Organisation Nummer gegen Kummer: Kinder- und Jugendtelefon. Nummer gegen Kummer e. V.. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  14. Behörde Stören digitale Medien den Schlaf?. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), Ins Netz gehen. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.