Hilfe bei InternetsuchtRatgeber

Hilfe für Angehörige: wenn jemand, der dir nahesteht, nicht vom Netz loskommt

Als Angehöriger kannst du Sorgen ruhig und ohne Vorwürfe ansprechen, klare Absprachen treffen und dir selbst Hilfe holen. Suchtberatungsstellen beraten auch Angehörige, kostenlos und auf Wunsch anonym. Für die Abhängigkeit von Substanzen hält die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen fest, dass Angehörige dafür nicht verantwortlich sind.

Eine Mutter und ihr erwachsener Sohn sitzen auf einer Gartenbank und sprechen ruhig miteinander, dazwischen zwei Teetassen
Bild: KI-generiert

Wenn das eigene Kind bis in die Nacht spielt, der Partner beim Essen nur noch aufs Smartphone schaut oder eine Freundin sich zurückzieht, fühlen sich Angehörige oft hilflos. Ob schon eine Sucht dahintersteckt, lässt sich von außen schwer sagen, und ein Urteil darüber musst du auch nicht fällen. Du kannst aber beeinflussen, wie du das Thema ansprichst, wo du Grenzen ziehst und wie gut du für dich selbst sorgst. Für alle drei Fragen gibt es Unterstützung, auch dann, wenn die betroffene Person selbst noch keine Hilfe will.

Was Angehörige häufig erleben

Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) beschreibt in ihrer Broschüre für Fachkräfte, was Sucht in Familien auslöst. Sie behandelt Abhängigkeit von Substanzen wie Alkohol, Medikamenten und Drogen und geht auf Internetsucht nicht ein. Ob sich die beschriebenen Muster auf Internetsucht übertragen lassen, ist damit nicht belegt. Als Orientierung für Angehörige können sie trotzdem dienen. Angehörige spüren Veränderungen meist als Erste, weil sie selbst unwichtiger werden, je wichtiger das Suchtmittel wird [1]. Schuldgefühle wechseln mit Wut, dazu kommen Scham und Angst. Die DHS schreibt, Angehörige lebten dadurch im Stress rund um die Uhr [1]. Viele fragen sich: "Was habe ich falsch gemacht?" Oft schieben sich die Generationen auch gegenseitig die Schuld zu. Ist ein Jugendlicher abhängig, sehen Großeltern und Geschwister die Schuld häufig bei den Eltern [1].

Typisch ist ein Ablauf in Phasen. Zuerst werden Anzeichen umgedeutet, und die betroffene Person wird geschützt und entschuldigt. Später versuchen Angehörige, den Konsum zu kontrollieren, mit Ermahnungen, Drohungen oder Vorschriften [1]. Bei Paaren beschreibt die DHS einen Teufelskreis: Der nicht abhängige Teil übernimmt erst alle Aufgaben und entschuldigt Versäumnisse, dann beginnt er zu kontrollieren. Der Kampf bleibt oft erfolglos, es folgen gegenseitige Vorwürfe, und beide fühlen sich allein [1]. Selbst wenn eine Abhängigkeit überwunden ist, bleibt die Angst vor einem Rückfall oft ein ständiger Begleiter der Familie [1]. Was dabei hilft, beschreibt Rückfälle vermeiden.

Das Gespräch suchen

Ein Gespräch gelingt eher, wenn es vorbereitet ist. Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) rät Eltern im Angebot "Ins Netz gehen", sich Zeit zu nehmen und vorher zu überlegen, was man sagen möchte. Jugendliche reagieren auf eine unvermittelte Ansprache oft genervt und abweisend. Wenn die Stimmung kippt, ist es besser, das Gespräch abzubrechen und später fortzusetzen [3].

Ein Paar in den Dreißigern sitzt sich am Küchentisch im Gespräch gegenüber, ein Smartphone liegt umgedreht daneben
Bild: KI-generiert

Diese Hinweise aus dem Elternratgeber lassen sich auch auf Gespräche unter Erwachsenen übertragen:

  • Interesse zeigen: fragen, was an einem Spiel oder einer Plattform gefällt, und sich erklären lassen, warum es wichtig ist [3].
  • Sorgen offen ansprechen, ohne Vorwürfe, und den anderen ernst nehmen [4].
  • Das Verhalten sachlich kritisieren und nie die Persönlichkeit. Am besten schilderst du eine konkrete Situation [3].
  • Einander ausreden lassen, nachfragen, wenn etwas unklar ist, und keine Entscheidung übers Knie brechen [3].
  • Deutlich machen, dass Kritik die Beziehung nicht infrage stellt [3].

Rechne damit, dass das Problem zunächst bestritten wird. Das BIÖG nennt diese Abwehr ausdrücklich und rät, Verständnis aufzubringen [4]. Ein Satz wie "Mir ist aufgefallen, dass du seit Wochen kaum noch schläfst, und das macht mir Sorgen" lässt mehr Raum als "Du bist süchtig". Welche Anzeichen auf eine problematische Nutzung hindeuten, erklärt Symptome der Internetsucht.

Wenn es um ein Kind geht

Bei Kindern und Jugendlichen nennt das BIÖG mehrere Warnsignale: Medien dienen als Trost oder Flucht aus der realen Welt und helfen gegen Stress, frühere Hobbys werden vernachlässigt, Pflichten in Schule und Haushalt bleiben liegen. Auch anhaltende Müdigkeit oder der Verlust von Freundschaften werden in Kauf genommen [4]. Phasenweise intensive Nutzung ist nach derselben Quelle allein noch kein Grund zur Sorge [4].

Strikte Verbote helfen laut BIÖG oft nicht weiter. Besser seien gemeinsame Vereinbarungen, mit denen die Familie Schritt für Schritt zu einer gesunden Nutzung zurückfindet [4]. Regeln, bei denen das Kind mitbestimmen darf, versteht es besser und hält sie eher ein. Sie sollten für alle in der Familie gelten, auch für die Eltern [3]. Wie solche Absprachen aussehen können, steht unter Medienregeln in der Familie vereinbaren, mehr zur Altersgruppe unter Internetsucht bei Kindern und Jugendlichen.

Gemeinsame Zeit ohne Bildschirm hilft beim Wiederannähern. Das BIÖG schlägt feste Rituale vor, etwa ein gemeinsames Frühstück oder Abendessen, bei dem Smartphone und Fernseher aus bleiben [3]. Ideen für einen Abend am Tisch findest du bei Spieleabend planen: Spiele nach Gruppengröße.

Grenzen setzen und aus der Helferrolle aussteigen

Viele Angehörige übernehmen über Monate Aufgaben, die eigentlich der andere erledigen müsste. Sie entschuldigen ihn bei der Arbeit oder in der Schule und halten die Familie zusammen. Die DHS beschreibt dieses Schützen und Entschuldigen als frühe Phase, in der Abhängige sogar finanziell unterstützt werden [1].

Als Ausweg aus einer Abhängigkeit von Substanzen nennt die DHS, die meist unbewusst angenommene Helferrolle zu verlassen. Angehörige sagen dann sich selbst und dem anderen klar, dass sie gegen die Abhängigkeit nichts tun können, aber dabei helfen können, dass er sich helfen lässt [2]. Daraus folgen Grenzen im Alltag. Nach der Erfahrung von Beratungsstellen und Suchtkliniken kann dieser Schritt den entscheidenden Anstoß zur Veränderung geben [2]. Bei Internetsucht kann eine solche Grenze so aussehen: Du übernimmst keine Ausreden mehr gegenüber dem Arbeitgeber, du zahlst keine Rechnungen für Käufe in Spielen, und beim gemeinsamen Essen bleiben die Geräte weg.

Die DHS beschreibt bei Paaren mit einer Abhängigkeit von Substanzen den Kampf ums Suchtmittel als oft erfolglos [1]. Wenn du dir um die Sicherheit eines Kindes Sorgen machst, besprich das lieber in einer Beratung, als es allein zu entscheiden.

Für dich selbst sorgen

Die DHS betont, dass eine klare Abgrenzung vor allem den Angehörigen selbst hilft, ihr Leben wieder freier zu gestalten. Wer eigene Aktivitäten aufnimmt, steigert die eigene Lebensqualität, und manchmal gibt das auch dem Abhängigen einen Anstoß [2]. Für viele ist das ein großer Schritt, weil sie es nicht mehr gewohnt sind, an sich selbst zu denken [2]. Die DHS nennt aus der Resilienzforschung Schutzfaktoren, die helfen, solche Belastungen ohne gesundheitlichen Schaden zu bewältigen. Dazu gehört, neben der Belastung auch Freude, Stolz oder Neugier wahrzunehmen [2]. Kleine Schritte zählen: ein fester Abend mit Freunden, Sport, ein Hobby, das nichts mit der Sorge zu tun hat.

Eine Frau in den Fünfzigern geht allein auf einem Waldweg im Herbst, auf dem Boden liegt goldenes Laub
Bild: KI-generiert

Angehörige haben nach der DHS keinen eigenen Anspruch auf eine Behandlung ihrer Belastung durch die Sucht eines Familienmitglieds [5]. Umso wichtiger sind Beratung und Selbsthilfe, die du ohne Antrag nutzen kannst.

Hilfe für Angehörige

Suchtberatungsstellen beraten zu problematischer Computerspiel- und Internetnutzung auch Angehörige, kostenlos und auf Wunsch anonym [6]. Du kannst dort allein hingehen, auch wenn die betroffene Person nicht mitkommen will. Die Online-Plattform DigiSucht hat einen eigenen Bereich für Angehörige und Eltern, die Beratung ist kostenfrei [7]. Eltern, Lehr- und Fachkräfte können außerdem die E-Mail-Beratung von "Ins Netz gehen" nutzen, die in der Regel innerhalb von zwei Werktagen antwortet [8].

Zwei Erwachsene sitzen in einem hellen Beratungsraum einer Beraterin in den Vierzigern gegenüber und hören zu
Bild: KI-generiert

Das Elterntelefon der Nummer gegen Kummer ist unter 0800 111 0 550 erreichbar, montags, mittwochs und freitags von 9 bis 17 Uhr, dienstags und donnerstags von 9 bis 19 Uhr. Es berät anonym und kostenlos, ausdrücklich auch zu Sucht und Stress im Netz [9]. Die Sucht & Drogen Hotline erreichst du täglich von 8 bis 24 Uhr unter 01806 313031 für 0,20 Euro pro Anruf [10].

Manche Städte haben eigene Fachstellen. In Berlin berät die Caritas mit "Lost in Space" bei Computerspiel- und Internetsucht und wendet sich dabei ausdrücklich auch an Angehörige, die Hilfe ist kostenlos [14]. Selbsthilfegruppen für Angehörige findest du über die NAKOS-Datenbank nach Thema und Ort [11]. Für Familien gibt es außerdem die Familien- und Erziehungsberatung, deren Stellen die Bundeskonferenz für Erziehungsberatung auf bke.de auflistet [6]. Manche Behandlungsangebote beziehen die Familie ein. Die DHS nennt CRAFT, ein Familientraining aus den USA, das die Lebensqualität Angehöriger verbessern und die Bereitschaft des Abhängigen zur Behandlung erhöhen soll [5]. Ob es so etwas in deiner Nähe für Mediensucht gibt, kann dir eine Beratungsstelle sagen. Adressen und weitere Nummern stehen unter Beratungsstellen und Hilfetelefone, Behandlungswege unter Therapie bei Internetsucht.

Möchte die betroffene Person ihre Nutzung selbst einschätzen, kannst du ihr den Mediensucht-Test auf check-dich-selbst.de zeigen, für Jugendliche den Medienkonsum-Check.

  1. Fachgesellschaft Suchtprobleme in der Familie. Informationen und Praxishilfen für Fachkräfte und Ehrenamtliche, Kapitel 3, S. 32 bis 37. Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e. V. (DHS). Stand Auflagenvermerk 9.15.10.22. abgerufen am 29.10.2026
  2. Fachgesellschaft Suchtprobleme in der Familie, Kapitel 4: Ansprache Angehöriger und Selbstheilungskräfte anregen, S. 72 bis 73. Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e. V. (DHS). Stand Auflagenvermerk 9.15.10.22. abgerufen am 29.10.2026
  3. Behörde Mit Jugendlichen über Mediennutzung sprechen. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), Ins Netz gehen. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  4. Behörde Anzeichen von Mediensucht bei Kindern. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), Ins Netz gehen. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  5. Fachgesellschaft Suchtprobleme in der Familie, Kapitel 5: Unterstützung für Angehörige, S. 96. Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e. V. (DHS). Stand Auflagenvermerk 9.15.10.22. abgerufen am 29.10.2026
  6. Behörde Weitere Beratungsmöglichkeiten für Eltern, Lehr- und Fachkräfte. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), Ins Netz gehen. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  7. Organisation DigiSucht: Digitale Suchtberatung. DigiSucht. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  8. Behörde E-Mail-Beratung für Eltern, Lehr- und Fachkräfte. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), Ins Netz gehen. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  9. Organisation Elterntelefon. Nummer gegen Kummer e. V.. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  10. Behörde Sucht & Drogen Hotline. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  11. Organisation NAKOS: Selbsthilfe vor Ort finden. Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen (NAKOS). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  12. Organisation 116117: Der Patientenservice. Kassenärztliche Bundesvereinigung, 116117. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  13. Organisation TelefonSeelsorge Deutschland. TelefonSeelsorge. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  14. Behörde Neue Süchte auf dem Vormarsch: Senat unterstützt Caritas-Zentrum für Verhaltenssucht. Senatsverwaltung für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege Berlin. Stand 26.06.2024. abgerufen am 29.10.2026
  15. Fachgesellschaft Suchtprobleme in der Familie, Einführung, S. 7. Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e. V. (DHS). Stand Auflagenvermerk 9.15.10.22. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.