Hilfe bei InternetsuchtRatgeber

Rückfälle vermeiden: wenn die alte Gewohnheit zurückkommt

In der Suchthilfe gelten Rückfälle als häufiger Teil des Wegs aus einer Sucht und bedeuten nicht, dass alles umsonst war. Hilfreich sind ein vorher festgelegter Notfallplan mit einer Kontaktperson, das Wissen um die eigenen Auslöser und schnelle Unterstützung durch Beratung, Selbsthilfegruppe oder Therapie. Die Sucht & Drogen Hotline berät unter 01806 313031 auch zu Rückfällen.

Ein Mann in den Dreißigern geht morgens allein auf einem Waldweg durch herbstlichen Nebel
Bild: KI-generiert

Du hast wochenlang weniger gespielt oder gescrollt, und dann kommt ein Abend, an dem alles wie früher ist. Viele erleben genau das, und viele schämen sich danach. Aus der Suchthilfe bei Alkohol ist bekannt: Die meisten Menschen, die sich aus einer Sucht befreien, erleben auf dem Weg mehr oder weniger schwere Rückfälle, viele auch mehrere [1]. Ein Rückfall kann zur Erkrankung dazugehören [2]. Das Wissen über Rückfälle stammt überwiegend aus der Arbeit mit Alkohol und Drogen. Vieles davon lässt sich auf Spiele, soziale Netzwerke und andere Angebote im Netz übertragen, die Unterschiede sind jeweils benannt.

Ausrutscher oder Rückfall

Meist versteht man unter einem Rückfall, dass jemand nach einer Zeit ohne Suchtmittel wieder in das alte Verhalten zurückfällt. Davon unterscheiden Fachleute den Ausrutscher: einen einmaligen oder auch mehrmaligen, aber nicht schweren Konsum, nach dem die Person wieder zu ihrem Ziel zurückkehrt [1]. Die Schweizer Fachstelle Sucht Info Schweiz warnt in ihrer Broschüre zu Alkoholabhängigkeit trotzdem davor, einen Ausrutscher kleinzureden, weil auch ein kleiner Konsum das Risiko eines schweren Rückfalls birgt [1].

Bei Internetsucht kommt etwas hinzu: Fachleute streben den Verzicht auf die Anwendungen an, die zum Problem geworden sind, verbunden mit einer kontrollierten Nutzung [3]. Was für dich als Ausrutscher zählt, hängt also davon ab, welche Grenze du dir gesetzt hast. Wer ein bestimmtes Spiel gestrichen hat, für den ist eine Runde davon ein Warnzeichen. Wer sich zwei Stunden am Abend vorgenommen hat, merkt einen Ausrutscher daran, dass es wieder vier werden.

Wenn die Sucht wandert

Auch eine Suchtverlagerung kann man als Rückfall sehen: Ein Suchtmittel wird durch ein anderes oder durch ein Suchtverhalten ersetzt. Sucht Info Schweiz nennt als Beispiel ausdrücklich das Spielen [1]. Übertragen auf das Netz heißt das: Wer das Onlinespiel aufgibt und dafür stundenlang Kurzvideos schaut, hat das Problem verschoben. Achte deshalb darauf, womit du die frei gewordene Zeit füllst.

Typische Auslöser

Die Techniker Krankenkasse nennt in einem Ratgeber zu stoffgebundenen Süchten mehrere Auslöser für Rückfälle [2]. Am häufigsten sind negative Gefühle, allen voran Enttäuschung. Auch Streit mit Angehörigen und andere soziale Konflikte, Druck aus dem Freundeskreis, gute Laune, die belohnt werden soll, sowie Schmerzen oder Schlaflosigkeit können den Ausschlag geben [2]. Ein weiterer Auslöser ist, das Problem zu unterschätzen, etwa mit der Annahme, man könne nun wieder kontrolliert konsumieren [2]. Auf das Netz lässt sich das nur bedingt übertragen, denn dort ist eine kontrollierte Nutzung oft das Ziel [3]. Ein Warnzeichen ist es, wenn die Grenze, die du dir gesetzt hast, regelmäßig fällt.

Auf das Netz übertragen, lohnt ein Blick auf diese Momente:

  • Ein schlechter Tag in Schule oder Job, und das Spiel verspricht schnelle Erfolge.
  • Ein Streit zu Hause, nach dem du dich ins Zimmer zurückziehst.
  • Freunde, die abends online verabredet sind und fragen, wo du bleibst.
  • Ein neues Update oder eine neue Staffel, die du "nur kurz" anschauen willst.
  • Nächte, in denen du nicht schlafen kannst und zum Handy greifst.

Wenn du deine eigenen Auslöser kennst, kannst du dich auf sie einstellen. Risikosituationen zu kennen, gilt in der Suchthilfe als Grundvoraussetzung, um Rückfällen vorzubeugen [1]. Die Zeit kurz nach einer Veränderung ist besonders heikel. Mit der Zeit wird das Verlangen schwächer, auch weil man die Vorteile der Veränderung erlebt; das Risiko bleibt, wird aber kleiner [1].

Einen Notfallplan vorbereiten

Ein Notfallplan hilft, einen Rückfall früh aufzufangen. Wer sich vorher überlegt, an wen er sich wendet, an eine Fachperson oder eine Selbsthilfegruppe, kann im Krisenfall schnell reagieren [1]. Die Techniker Krankenkasse rät, sich mit einer Kontaktperson des Vertrauens abzusprechen und in einem Notfallpass Notizen oder ein Bild aufzubewahren, die an die guten Seiten der Veränderung erinnern [2]. Bewegung und Zeit an der frischen Luft helfen, den Kopf auf etwas anderes zu richten [2].

Eine kleine Karte hängt an einer Pinnwand über einem aufgeräumten Schreibtisch mit Stift und Tasse Tee
Bild: KI-generiert

Für die Internetnutzung lassen sich solche Pläne mit einfachen Mitteln ergänzen. Das BIÖG schlägt vor, zeitfressende Spiele und Apps zu löschen oder zu sperren und das Passwort einer Vertrauensperson zu überlassen [4]. Auf Android-Geräten pausiert der Konzentrationsmodus ablenkende Apps, sie lassen sich dann nicht nutzen und senden keine Benachrichtigungen [5]. Ein Notfallplan kann so aussehen:

  1. Wen rufe ich an oder schreibe ich an, wenn der Drang groß wird?
  2. Was mache ich in den nächsten 30 Minuten statt online zu gehen, etwa rausgehen, kochen oder eine Partie Brettspiel zu zweit?
  3. Welche App sperre ich sofort, und wer hat das Passwort?
  4. Welche Nummer wähle ich, wenn ich mit niemandem aus meinem Umfeld sprechen möchte?

Im Alltag vorbeugen

Die Broschüre von Sucht Info Schweiz nennt mehrere Wege, Rückfällen vorzubeugen. Der erste: nicht allein bleiben. Zusammen mit dem eigenen Willen ist die Unterstützung durch Nahestehende, Fachleute oder Selbsthilfegruppen sehr wichtig und senkt die Rückfallgefahr [1]. Der zweite: auf sich achten. Eine Veränderung ist körperlich und seelisch anstrengend, deshalb gehören genug Schlaf, Ruhe und ausgewogenes Essen dazu, bei Bedarf auch Unterstützung für das seelische Wohlbefinden durch Fachleute [1]. Der dritte: neue Gewohnheiten entwickeln, weil manche alten Gewohnheiten fest mit dem Suchtverhalten verbunden sind [1].

Beim Netz sind das oft feste Rituale: das Handy gleich nach dem Aufwachen, die Runde mit dem Headset nach dem Abendessen, das Scrollen im Bett. Wenn du genau diese Momente mit etwas anderem besetzt, fällt der Rückweg schwerer. Die Techniker Krankenkasse beschreibt das als schrittweises Lernen, Risikosituationen ohne Suchtmittel zu bewältigen [2].

Wenn es passiert ist

Nimm den Rückfall ernst, aber lass dich nicht entmutigen [1]. Wichtig ist, nicht allein zu bleiben und sich nicht zurückzuziehen. Beratungsstellen, Ärztinnen und Ärzte und Selbsthilfegruppen können helfen [1]. Je schneller du reagierst und dir Unterstützung holst, desto eher lässt sich der Schweregrad eines Rückfalls begrenzen. Ein Rückfall bedeutet nicht, dass du wieder ganz von vorne anfangen musst [1].

Zwei junge Erwachsene sitzen nachmittags auf einer Parkbank und sprechen miteinander, Herbstlaub am Boden
Bild: KI-generiert

Danach lohnt der Blick zurück: Warum ist es passiert, und wie kommst du beim nächsten Mal mit einer ähnlichen Situation zurecht? Ziel ist, aus dem Rückfall zu lernen. Manchmal ist es auch richtig, das gesetzte Ziel oder die Methode zu überdenken [1]. Die Techniker Krankenkasse beschreibt einen Rückfall als Möglichkeit, daraus zu lernen, und rät, sich möglichst früh Hilfe in einer Selbsthilfegruppe, einer Suchtberatungsstelle oder einer psychotherapeutischen Praxis zu holen [2].

Die Sucht & Drogen Hotline berät ausdrücklich auch bei Rückfällen und nennt Hilfeangebote vor Ort. Sie ist täglich von 8 bis 24 Uhr unter 01806 313031 erreichbar, ein Anruf kostet 0,20 Euro aus dem Festnetz und aus dem Mobilfunknetz [6]. Wenn du schon in Therapie bist, sprich den Rückfall in der nächsten Stunde an. Wie Behandlung abläuft, steht unter Therapie bei Internetsucht.

Was Angehörige tun können

Auch für Angehörige ist ein Rückfall eine Enttäuschung. Viele fühlen sich verraten, werden ärgerlich und machen Vorwürfe [1]. Vorwurfsvolle Botschaften lassen Betroffene aber noch mehr an sich zweifeln [1]. Sucht Info Schweiz rät Nahestehenden, den Rückfall anzusprechen, ohne zu beschuldigen oder Vorschriften zu machen. Sie können fragen, wie die betroffene Person die Lage einschätzt, und Vorschläge machen, sollen aber nicht an ihrer Stelle entscheiden [1].

Eine Mutter in den Vierzigern und ihr erwachsener Sohn sitzen am Küchentisch und reden ruhig miteinander
Bild: KI-generiert

Wer jemanden begleitet, braucht selbst Entlastung. Gespräche mit Vertrauenspersonen, Beratungsstellen oder Selbsthilfegruppen können helfen [1]. Viele Suchtberatungsstellen bieten eigene Selbsthilfegruppen für Angehörige an [7]. Mehr dazu steht unter Hilfe für Angehörige.

Was eine Studie zur Zeit nach der Behandlung zeigt

Verlässliche Zahlen dazu, wie oft Menschen nach einer Behandlung von Internetsucht rückfällig werden, nennen die genutzten Fachquellen nicht. Eine Studie aus Deutschland und Österreich behandelte Männer mit Internet- und Computerspielsucht in Gruppen. Ein halbes Jahr nach Ende der Behandlung erreichte das Team nur die Hälfte der Behandelten. Von diesen 36 Männern lagen 29 weiterhin unter dem Grenzwert für eine Internetsucht [8]. Die Autoren schreiben selbst, dass sich diese Nachuntersuchung wegen der vielen fehlenden Teilnehmer nicht auswerten lässt und die Stabilität der Ergebnisse weiter geprüft werden muss [8].

Für den Alltag heißt das: Es gibt keine verlässliche Zahl, an der du dich messen musst. Wie du nach einem Rückschlag wieder in kleine Schritte findest, beschreibt Selbsthilfe bei Internetsucht.

  1. Organisation Rückfall: Was ist das? Was tun? Wie vorbeugen? Informationen für Menschen, die von einer Alkoholabhängigkeit betroffen sind, und für ihre Angehörigen. Sucht Info Schweiz, Lausanne. Stand 2010. abgerufen am 29.10.2026
  2. Organisation Rückfall: Wenn das Suchtgedächtnis dominiert (Julian Habermann). Techniker Krankenkasse. Stand 30.11.2021. abgerufen am 29.10.2026
  3. Organisation Computerspiel- und Internetabhängigkeit (Fachthema Sucht, Dr. Daniela Ruf). Deutscher Caritasverband. Stand 21.07.2020. abgerufen am 29.10.2026
  4. Behörde Weniger Zeit an Handy, Laptop & Co: Was kannst du selbst tun?. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), Ins Netz gehen. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  5. Organisation Digital Wellbeing verwalten und Smartphone-Nutzung verbessern. Google. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  6. Behörde Sucht & Drogen Hotline. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  7. Behörde Weitere Beratungsmöglichkeiten für Eltern, Lehr- und Fachkräfte. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), Ins Netz gehen. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  8. Studie Wölfling, K.; Müller, K. W.; Dreier, M. u. a.: Efficacy of Short-term Treatment of Internet and Computer Game Addiction: A Randomized Clinical Trial. JAMA Psychiatry 76 (10), S. 1018 bis 1025. American Medical Association. Stand 2019. abgerufen am 29.10.2026
  9. Organisation Nummer gegen Kummer: Kinder- und Jugendtelefon. Nummer gegen Kummer e. V.. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  10. Organisation TelefonSeelsorge Deutschland. TelefonSeelsorge. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  11. Organisation 116117: Der Patientenservice. Kassenärztliche Bundesvereinigung, 116117. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.