Hilfe bei InternetsuchtRatgeber

Digital Detox: Pausen vom Netz, die im Alltag halten

Digital Detox ist eine bewusste Pause von Smartphone, sozialen Netzwerken oder dem ganzen Netz, von einigen Stunden bis zu Wochen. Die Studienlage ist gemischt. In einer Bochumer Studie half es mehr, die Smartphonezeit dauerhaft um eine Stunde am Tag zu senken, als eine Woche ganz zu verzichten.

Ein Smartphone liegt umgedreht auf einer hölzernen Fensterbank neben einer Tasse Tee und einer kleinen Topfpflanze
Bild: KI-generiert

Ein Wochenende ohne Smartphone, eine Woche ohne soziale Netzwerke, jeden Abend eine Stunde offline: All das läuft unter dem Namen Digital Detox. Eine Fachübersicht definiert ihn knapp als Auszeit von der Nutzung elektronischer Geräte [1]. Solche Pausen können helfen, die eigene Nutzung von außen zu sehen und Gewohnheiten zu ändern. Sie sind aber kein Allheilmittel. Die Forschung zeigt gemischte Ergebnisse, und in einer deutschen Studie wirkte eine Variante ohne vollständigen Verzicht am längsten.

Was Studien zu Smartphone-Pausen zeigen

Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2021 hat Studien zu Pausen vom Smartphone und von sozialen Netzwerken oder Messengern ausgewertet. Die Autorengruppe um T. Radtke fand 21 Studien mit zusammen 3.625 Teilnehmenden, davon 12 randomisierte kontrollierte Studien [1]. Untersucht wurden Gesundheit und Wohlbefinden, soziale Beziehungen, Selbstkontrolle und Leistung. Die Ergebnisse waren uneinheitlich: Manche Studien fanden positive Effekte, andere keine, einige sogar negative Folgen für das Wohlbefinden [1]. Die Autorengruppe sieht weiteren Forschungsbedarf dazu, wie solche Pausen wirken [1]. Ob dir eine Pause guttut, findest du deshalb am ehesten heraus, wenn du sie ausprobierst und festhältst, wie es dir dabei geht.

Eine junge Frau joggt am frühen Morgen auf einem Weg am Fluss, über dem Wasser liegt leichter Nebel
Bild: KI-generiert

Eine Studie der Ruhr-Universität Bochum hat zwei Wege direkt verglichen. 619 Smartphone-Nutzerinnen und -Nutzer in Deutschland wurden in drei Gruppen geteilt: 200 verzichteten sieben Tage ganz auf das Smartphone, 226 nutzten es eine Stunde weniger am Tag, 193 machten weiter wie bisher. Befragt wurden sie vorher, direkt danach sowie einen und vier Monate später [2].

In beiden Gruppen mit Pause sanken problematische Nutzung sowie depressive und Angstsymptome, Lebenszufriedenheit und körperliche Aktivität stiegen. In der Gruppe mit einer Stunde weniger waren die Effekte meist stärker und über vier Monate stabiler. Nur dort sank auch die Zahl der täglich gerauchten Zigaretten [2]. Nach vier Monaten nutzte die Verzichtsgruppe ihr Smartphone im Schnitt 38 Minuten weniger am Tag als vorher, die Reduktionsgruppe 45 Minuten weniger [3]. Studienleiterin Julia Brailovskaia sagte dazu: "Es ist nicht nötig, komplett aufs Smartphone zu verzichten, um sich besser zu fühlen" [3].

Formen von Digital Detox

Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) beschreibt Pausen von wenigen Stunden bis zu ganzen Tagen oder Wochen. Wer viel online ist, sollte mit kleinen Schritten anfangen und den Zeitraum nach und nach verlängern. Bei mäßiger Nutzung bietet sich ein medienfreies Wochenende an, das zur monatlichen Gewohnheit werden kann [4]. Daraus ergeben sich mehrere Stufen:

  • Kurze tägliche Pausen: feste Zeiten ohne Gerät, etwa beim Essen oder vor dem Schlafen. Das BIÖG nennt den Esstisch und die Zeit vor dem Zubettgehen als handyfreie Zeiten [4].
  • Gezielter Verzicht: eine bestimmte App oder Plattform für eine Woche löschen oder pausieren, während Anrufe und Nachrichten weiter funktionieren.
  • Ein ganzer Offline-Tag oder ein Wochenende: Hier lohnt es sich, Kontakte vorher über die Pause zu informieren [4].
  • Längere Auszeiten im Urlaub, etwa beim Zelten oder Wandern.
  • Dauerhaft weniger: die tägliche Nutzungszeit senken, so wie in der Bochumer Reduktionsgruppe [2].

Für Jugendliche bietet das BIÖG im Angebot "Ins Netz gehen" eine 7-Tage-Digital-Detox-Challenge mit Tipps, um weniger Zeit in sozialen Netzwerken zu verbringen [5].

Eine Auszeit vorbereiten

Wer ohne Plan offline geht, greift bei Langeweile leicht wieder zum Gerät. Eine gute Vorbereitung beginnt mit einer ehrlichen Bestandsaufnahme. Die Bildschirmzeitanzeige deines Smartphones zeigt, wie lange du das Gerät nutzt, wie oft du es entsperrst und welche Apps die meiste Zeit beanspruchen. Bei Android zeigt Digital Wellbeing die Nutzungszeit je App, die Zahl der Entsperrungen und die erhaltenen Benachrichtigungen [6]. Danach kannst du entscheiden, welche Form der Pause zu dir passt.

Auf einer Flurablage liegen ein umgedrehtes Smartphone in einer Ladeschale und ein Schlüsselbund, darüber hängt ein Mantel
Bild: KI-generiert
  1. Zeitraum festlegen und in den Kalender eintragen. Für den Anfang reicht ein Abend oder ein Vormittag.
  2. Bescheid geben: Familie, Freunde und bei Bedarf Kolleginnen und Kollegen wissen, dass du nicht erreichbar bist. Das BIÖG rät bei einem medienfreien Tag, Kontakte vorher über die Pause zu informieren [4].
  3. Benachrichtigungen ausschalten und feste Zeitfenster für Nachrichten und E-Mails einplanen [4].
  4. Einen eigenen Wecker besorgen und das Smartphone nachts außerhalb des Schlafzimmers laden. Das BIÖG rät Familien dazu, Geräte zum Beispiel im Wohnzimmer aufzuladen [7].
  5. Aktivitäten planen, damit die Zeit nicht leer bleibt [4]: Sport, ein Treffen, ein Brettspielklassiker, Kochen, ein Ausflug.

Technische Hilfen machen den Verzicht leichter. Unter Android pausiert der Konzentrationsmodus ausgewählte Apps, sie lassen sich dann nicht öffnen und senden keine Benachrichtigungen. App-Timer setzen ein Tageslimit, nach dessen Ablauf die App geschlossen und ihr Symbol grau wird. Der Schlafenszeitmodus kann den Bildschirm nach Zeitplan schwarzweiß schalten [6].

Während der Pause

Gerade in den ersten Stunden greifen viele aus Gewohnheit zur Tasche. Das ist kein Zeichen von Scheitern. Hilfreich ist eine kurze Frage an dich selbst, bevor du nachgibst: Was will ich gerade eigentlich, und gibt es dafür einen anderen Weg? Oft steckt Langeweile, Unruhe oder der Wunsch nach Kontakt dahinter. Wenn du die Pause mit anderen machst, etwa als Familie, wird sie leichter. Das BIÖG schlägt vor, den ersten Versuch als gemeinsame Herausforderung zu gestalten, niemanden zu zwingen und Bedenken ernst zu nehmen [4].

Ein Mann in den Vierzigern und seine erwachsene Tochter spielen im gemütlichen Wohnzimmer ein Brettspiel mit Holzfiguren
Bild: KI-generiert

Schreib dir auf Papier auf, was dir auffällt: wann der Drang stark war, was du stattdessen gemacht hast, was dir gefehlt hat und was nicht. Diese Notizen helfen beim nächsten Schritt mehr als das Gefühl, durchgehalten zu haben.

Abends offline: Pausen für den Schlaf

Viele beginnen mit dem Abend, und dafür gibt es einen guten Grund. Das helle Licht der Bildschirme gaukelt dem Körper nach Angaben des BIÖG Tageslicht vor, sodass weniger vom Schlafhormon Melatonin ausgeschüttet wird [7]. Spannende Spiele oder Videos am späten Abend halten zusätzlich wach. Für Kinder und Jugendliche, die das Smartphone mit ins Bett nehmen, besteht laut BIÖG eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass sie weniger und schlechter schlafen. Schlafprobleme und Mediennutzung können sich gegenseitig verstärken [7].

Eine abendliche Pause ist deshalb ein guter Einstieg: Geräte eine Weile vor dem Schlafengehen weglegen, außerhalb des Schlafzimmers laden und morgens mit einem eigenen Wecker aufstehen [7].

Digital Detox als Familie

In Familien klappt eine Pause besser, wenn alle mitreden. Das BIÖG rät, das Vorhaben vorher mit allen zu besprechen, Jugendliche einzubeziehen und gemeinsam einen Zeitrahmen festzulegen. Medienfreie Zeiten sollen keine Strafe sein, sie sollen einen maßvollen Umgang fördern [4]. Die Regeln gelten für alle, also auch für die Eltern [4]. Mehr dazu, wie Absprachen in der Familie entstehen, steht unter Medienregeln in der Familie vereinbaren.

Nach der Pause

Bei der Rückkehr entscheidet sich, ob von der Pause etwas bleibt. Wer nach einer Woche Verzicht alle Apps auf einmal wieder öffnet, rutscht leicht ins alte Muster. Das BIÖG empfiehlt, am Tag danach zu besprechen, was gefallen hat und wo der Verzicht schwerfiel, und gemeinsam zu entscheiden, ob medienfreie Zeiten ausgeweitet werden. Dazu gehört ein neuer Termin, aus dem eine feste Gewohnheit werden kann [4].

Die Bochumer Ergebnisse legen nahe, nach einer Pause ein dauerhaftes Tageslimit beizubehalten [2]. Wie du das im Alltag umsetzt, mit Benachrichtigungen, Bildschirmzeit und Zeiten ohne Gerät, beschreibt Gesunde Internetnutzung im Alltag.

Wann eine Pause nicht reicht

Ein Digital Detox ist eine Übung für den Alltag und keine Behandlung einer Sucht. Wenn du merkst, dass du Pausen immer wieder abbrichst, dass Schule, Arbeit, Schlaf oder Beziehungen seit Monaten leiden oder dass du ohne Gerät stark unruhig wirst, kann mehr dahinterstecken. Die Weltgesundheitsorganisation beschreibt bei der Computerspielstörung eine verminderte Kontrolle über das Spielen, Vorrang vor anderen Tätigkeiten und Weitermachen trotz negativer Folgen. Für die Diagnose muss dieses Muster in der Regel mindestens zwölf Monate lang erkennbar sein und Familie, Ausbildung oder Beruf deutlich beeinträchtigen [8]. Welche Anzeichen es für andere Formen gibt, steht unter Symptome der Internetsucht.

Suchtberatungsstellen beraten zu problematischer Computerspiel- und Internetnutzung kostenlos und auf Wunsch anonym [9]. Einen ersten Überblick gibt der Mediensucht-Test auf check-dich-selbst.de. Wie es danach weitergeht, steht unter Selbsthilfe bei Internetsucht und Beratungsstellen und Hilfetelefone.

  1. Studie Radtke, T.; Apel, T.; Schenkel, K.; Keller, J.; von Lindern, E.: Digital detox: An effective solution in the smartphone era? A systematic literature review. Mobile Media & Communication 10 (2). SAGE Publications. Stand online 15.07.2021. abgerufen am 29.10.2026
  2. Studie Brailovskaia, J. u. a.: The "Sweet Spot" of Smartphone Use: Reduction or Abstinence to Increase Well-Being and Healthy Lifestyle?! An Experimental Intervention Study. Journal of Experimental Psychology: Applied 29 (1), S. 149 bis 161. American Psychological Association. Stand März 2023, online 07.04.2022. abgerufen am 29.10.2026
  3. Studie Weniger Smartphone, mehr Wohlbefinden (Meldung zu Brailovskaia u. a., J. Exp. Psychol. Appl., DOI 10.1037/xap0000430). Ruhr-Universität Bochum. Stand Meldung vom 20.04.2022, Seite mit Veröffentlichungsdatum 17.09.2024. abgerufen am 29.10.2026
  4. Behörde Digital Detox für Familien. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), Ins Netz gehen. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  5. Behörde Wo finde ich Hilfe bei Handysucht, Computersucht und Internetsucht?. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), Ins Netz gehen. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  6. Organisation Digital Wellbeing verwalten und Smartphone-Nutzung verbessern. Google. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  7. Behörde Stören digitale Medien den Schlaf?. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), Ins Netz gehen. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  8. Behörde Addictive behaviours: Gaming disorder (Questions and answers). Weltgesundheitsorganisation (WHO). Stand 22.10.2020. abgerufen am 29.10.2026
  9. Behörde Weitere Beratungsmöglichkeiten für Eltern, Lehr- und Fachkräfte. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), Ins Netz gehen. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  10. Organisation TelefonSeelsorge Deutschland. TelefonSeelsorge. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.