Hilfe bei InternetsuchtRatgeber

Therapie bei Internetsucht: Wege, Ablauf und Studienlage

Nach einer Fachpresse-Zusammenfassung der ersten deutschen S1-Leitlinie hat bei Internetsucht eine störungsspezifische kognitive Verhaltenstherapie die beste Beweislage, auch in der Gruppe. Der Weg führt über die psychotherapeutische Sprechstunde, für die du keine Überweisung brauchst. Reicht eine ambulante Behandlung nicht aus, bieten spezialisierte Kliniken Therapien unter ärztlicher Aufsicht an.

Ein ruhiger Gruppenraum mit acht Polsterstühlen im Kreis, einem Holztisch mit Wasserkrug und Pflanzen am hellen Fenster
Bild: KI-generiert

Wenn eigene Regeln und Gespräche nicht mehr reichen, kann eine Therapie helfen, die Kontrolle über Spiele, soziale Netzwerke oder andere Angebote im Netz zurückzugewinnen. Es gibt mehrere Wege: ambulante Psychotherapie, Gruppen, spezialisierte Kliniken und für Jugendliche ein Reha-Modellprojekt. Welcher passt, klärst du mit einer Fachkraft. Dabei hilft es zu wissen, was die Fachwelt empfiehlt, wie du an einen Platz kommst und was Studien über die Wirkung zeigen.

Was die Leitlinie empfiehlt

Seit Ende 2024 gibt es in Deutschland eine erste Leitlinie zur Diagnostik und Therapie von Internetnutzungsstörungen. Sie hat die Stufe S1, ist bei der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) unter der Nummer 076-011 registriert und wurde federführend von der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie (DG-Sucht) erarbeitet [1, 2]. Sie trägt das Datum 20.11.2024 [1]. Ihre Kernaussagen nach der Zusammenfassung in der Fachpresse [1]:

  • Die stärkste Beweislage hat eine kognitive Verhaltenstherapie, die auf die Internetnutzungsstörung zugeschnitten ist.
  • Bei Männern mit Computerspielstörung wirkten Gruppensitzungen in Studien genauso gut wie Einzelsitzungen. Die Leitlinie empfiehlt Gruppen auch, um Wartezeiten kurz zu halten.
  • Bei Kindern und Jugendlichen sollen die Eltern in die Therapie einbezogen werden.
  • Bewegungstherapie, Entspannungsverfahren und Medikamente kommen erst danach. Sie stützen sich auf kleinere oder methodisch schwächere Studien.
  • Begleiterkrankungen wie Depression oder ADHS werden mit den dafür üblichen Mitteln behandelt.

S1 ist die einfachste Stufe einer Leitlinie. Bei einem Fachsymposium 2024 wurden die Grenzen bei der Diagnose und bei der Beweislage der internationalen Studien ausdrücklich zur Diskussion gestellt [2]. Schon 2020 beschrieb der Deutsche Caritasverband die Forschung zur Behandlung als gestützt auf wenige Studien mit erheblichen methodischen Grenzen [3].

Ziel der Behandlung

Bei Alkohol oder Drogen ist das Ziel oft, ganz aufzuhören. Unter Fachleuten besteht Einigkeit, dass das Ziel keine Abstinenz vom Internet sein kann. Angestrebt wird der Verzicht auf die Anwendungen, die zum Problem geworden sind, verbunden mit einer kontrollierten Nutzung des Internets [3]. Auch die Beratung beim Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) zielt auf einen ausgewogenen Umgang mit Medien und nicht auf ein radikales Verbot [4].

Konkret kann das heißen: Ein bestimmtes Spiel oder eine bestimmte App fällt weg, während Mails, Banking oder die Lernplattform der Schule bleiben. Welche Anwendungen dazugehören, legst du in der Therapie gemeinsam mit der Fachkraft fest.

Ambulante Psychotherapie

Für eine Psychotherapie brauchst du keine Überweisung, du kannst Praxen direkt anrufen [5]. Am Anfang steht immer die psychotherapeutische Sprechstunde. Dort wird geklärt, ob eine psychische Erkrankung vorliegt, ob eine Therapie hilft und welche Methode passt; auch Alternativen wie Reha oder Selbsthilfegruppe kommen zur Sprache [5]. Danach folgen probatorische Sitzungen, in denen du die Therapeutin oder den Therapeuten besser kennenlernst und die Diagnostik vertieft wird [5].

Eine Therapeutin in den Vierzigern und eine Frau in den Dreißigern sitzen sich in einer ruhigen Praxis gegenüber
Bild: KI-generiert
FormUmfangAntrag bei der Krankenkasse
Akutbehandlung [5]bis zu 12 Sitzungen zu 50 Minutennicht nötig
Kurzzeittherapie [5]12 bis 24 Sitzungen, einige Monate bis etwa ein Jahrja
Langzeittherapie [5]etwa 30 bis 60 Sitzungen, mindestens ein Jahrja

Ambulant arbeiten Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten mit einem von vier anerkannten Verfahren: Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, analytische Psychotherapie oder systemische Therapie. Alle vier gibt es als Einzel-, Gruppen- oder kombinierte Therapie [5]. Eine Gruppe hat drei bis neun Teilnehmende je Therapeut, und nach der 116117 wirkt Gruppentherapie mindestens so gut wie Einzeltherapie [5].

Wartezeit und Vermittlung

Findest du selbst keinen Platz, hilft die Terminservicestelle unter 116117. Wurde in der Sprechstunde auf dem Formular PTV 11 vermerkt, dass eine Behandlung zeitnah nötig ist, bekommst du einen Vermittlungscode. Dann muss die 116117 innerhalb einer Woche einen Termin vermitteln, der höchstens vier Wochen in der Zukunft liegt, bei einer Akutbehandlung höchstens zwei Wochen. Als Wartezeit insgesamt nennt sie höchstens fünf Wochen, bei einer Akutbehandlung höchstens drei Wochen [5]. Telefonisch ist die 116117 rund um die Uhr erreichbar und mit deutschem Telefonvertrag kostenlos [6].

Was eine Studie zur Gruppentherapie zeigt

Eine größere Studie zur Behandlung stammt aus Deutschland und Österreich. Das Team um Klaus Wölfling verteilte 143 Männer aus vier Spezialambulanzen per Los auf zwei Gruppen. 72 bekamen sofort die Kurzzeitbehandlung STICA, 71 kamen auf eine Warteliste [7]. STICA ist eine Verhaltenstherapie nach Handbuch mit 15 wöchentlichen Gruppensitzungen zu 100 Minuten und bis zu acht Einzelsitzungen zu 60 Minuten. Die Einzeltermine dienten der Motivation und der Hilfe in Krisen [7].

Sechs Männer unterschiedlichen Alters sitzen in einem hellen Raum im Stuhlkreis und hören einem von ihnen zu
Bild: KI-generiert

Am Ende der Behandlung lagen 50 der 72 Männer in der Therapiegruppe unter dem Grenzwert für eine Internetsucht, das sind 69,4 Prozent. Die Fachleute sprechen von Remission. Auf der Warteliste waren es 17 von 71 Männern oder 23,9 Prozent [7]. Das Ziel der Behandlung war eine funktionale Internetnutzung [7]. Auch bei anderen Messwerten schnitt die Therapiegruppe zum Ende der Behandlung besser ab als die Warteliste: bei der Onlinezeit an Wochentagen und beim Zurechtkommen in Alltag und Beziehungen [8]. Bei depressiven Beschwerden nennt die Zusammenfassung einen Vorteil, im Volltext ist der Unterschied zur Warteliste nicht signifikant, weil sich die Beschwerden auch dort besserten [7]. Bei der Remissionsrate berücksichtigte die Auswertung Alter, Schwere der Ausgangslage, Begleiterkrankungen und die jeweilige Ambulanz [8].

Die Studie hat Grenzen. Teilgenommen haben nur Männer. Ein halbes Jahr später erreichte das Team nur die Hälfte der Behandelten, und die Autoren schreiben selbst, dass sich diese Nachuntersuchung nicht auswerten lässt [7]. Einige Teilnehmer wurden während der Studie depressiver, wenige mussten in eine stationäre Psychotherapie wechseln [7]. Insgesamt verzeichnete die Studie 14 unerwünschte und 8 schwerwiegende unerwünschte Ereignisse; nur bei zwei davon, je einem in jeder Gruppe, hielten die Forscher einen Zusammenhang mit der Behandlung für wahrscheinlich [8]. Sie nennen die Kurzzeittherapie vielversprechend und halten weitere Studien zur Langzeitwirkung und Vergleiche mit anderen Behandlungen für nötig [8].

Klinik und Reha

Einige Kliniken haben sich auf Computer- und Internetsucht spezialisiert. Dort laufen Therapien unter ärztlicher Aufsicht. Das ist vor allem dann sinnvoll, wenn eine Beratung allein nicht ausreicht, um das Verhalten zu ändern [9]. Mitarbeitende von Beratungsstellen helfen dabei, einen Behandlungsplatz zu finden [9].

Ein ruhiger Klinikgarten mit Kiesweg, Holzbänken und hohen Herbstbäumen vor einem flachen Gebäude
Bild: KI-generiert

Für Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren entsteht im Modellprojekt "Medienabhängigkeit bei Kindern und Jugendlichen" (MeKi) ein stationäres Reha-Programm mit anschließender Nachsorge. Durchgeführt wird es von der Charité Universitätsmedizin Berlin zusammen mit der Klinik Schönsicht und der Deutschen Rentenversicherung. Anmelden können Ärztinnen und Ärzte [10].

Nach einer stationären Behandlung ist der Alltag mit Smartphone und Rechner sofort wieder da. Wie du dich auf schwierige Momente vorbereitest, steht unter Rückfälle vermeiden.

Therapie für Kinder und Jugendliche

Bei Minderjährigen gehört die Familie mit in die Behandlung. Nach der Zusammenfassung der S1-Leitlinie in der Fachpresse sollen bei Kindern und Jugendlichen die Eltern in die Therapie einbezogen werden [1]. Für Eltern gibt es zudem eigene Angebote: Viele Suchtberatungsstellen bieten spezielle Selbsthilfegruppen für Angehörige an, und auch Jugendliche finden Gruppen für ihr Alter [9]. Wie Eltern und Partner den Weg begleiten können, beschreibt Hilfe für Angehörige.

Wer nicht gleich in eine Praxis gehen möchte, kann mit einer Online-Beratung beginnen. DigiSucht ist eine kostenfreie und anonyme Plattform der Suchtberatung, die auch Medienkonsum und Gaming abdeckt. Je nach Beratungsstelle läuft die Beratung per Nachricht, Chat, Videochat oder vor Ort; mehr als 500 Beratungsstellen in 14 Bundesländern sind beteiligt [14]. Aus einer solchen Beratung heraus lässt sich später eine Therapie oder ein Klinikplatz suchen [9].

Der Weg zum ersten Termin

Viele beginnen in einer Suchtberatungsstelle. Dort kannst du offen sprechen und musst dich für nichts schämen. Gemeinsam mit der Beraterin oder dem Berater entwickelst du einen Plan, wie du dein Medienverhalten ändern kannst [4]. Die Stelle hilft auch, wenn danach eine Therapie oder ein Klinikplatz nötig ist [9]. Adressen und Hilfetelefone findest du unter Beratungsstellen und Hilfetelefone.

Am Telefon gibt die Sucht & Drogen Hotline Informationen und vermittelt an Hilfeangebote vor Ort. Sie ist täglich von 8 bis 24 Uhr unter 01806 313031 erreichbar, ein Anruf kostet 0,20 Euro aus dem Festnetz und aus dem Mobilfunknetz [11]. Wenn du vorher wissen möchtest, ob deine Nutzung auffällig ist, hilft der Mediensucht-Test auf check-dich-selbst.de; was eine Diagnose ausmacht, erklärt Diagnose: wann Internetnutzung als Krankheit gilt. Bist du unsicher, ob du überhaupt Hilfe brauchst, lies zuerst Selbsthilfe bei Internetsucht.

  1. Internetnutzungsstörung: Erste Leitlinie veröffentlicht (zur S1-Leitlinie Diagnostik und Therapie von Internetnutzungsstörungen, AWMF-Register 076-011). PTAheute, Deutscher Apotheker Verlag. Stand 26.02.2025. abgerufen am 29.10.2026
  2. Fachgesellschaft Behandlung von Internetnutzungsstörungen: Was hilft? Entwicklung der AWMF S1-Leitlinie (Programminformation, Vortrag Dr. Anja Bischof, 13. Symposium). Fachverband Medienabhängigkeit e. V.. Stand 04.06.2024. abgerufen am 29.10.2026
  3. Organisation Computerspiel- und Internetabhängigkeit (Fachthema Sucht, Dr. Daniela Ruf). Deutscher Caritasverband. Stand 21.07.2020. abgerufen am 29.10.2026
  4. Behörde Wo finde ich Hilfe bei Handysucht, Computersucht und Internetsucht?. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), Ins Netz gehen. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  5. Organisation Psychotherapie. Kassenärztliche Bundesvereinigung, 116117. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  6. Organisation 116117: Der Patientenservice. Kassenärztliche Bundesvereinigung, 116117. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  7. Studie Wölfling, K.; Müller, K. W.; Dreier, M. u. a.: Efficacy of Short-term Treatment of Internet and Computer Game Addiction: A Randomized Clinical Trial. JAMA Psychiatry 76 (10), S. 1018 bis 1025. American Medical Association. Stand 2019. abgerufen am 29.10.2026
  8. Studie Wölfling, K. u. a.: Efficacy of Short-term Treatment of Internet and Computer Game Addiction (Abstract, PMID 31290948). PubMed, National Library of Medicine. Stand 2019. abgerufen am 29.10.2026
  9. Behörde Weitere Beratungsmöglichkeiten für Eltern, Lehr- und Fachkräfte. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), Ins Netz gehen. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  10. Behörde Beratung. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), Ins Netz gehen. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  11. Behörde Sucht & Drogen Hotline. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG). Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  12. Organisation Nummer gegen Kummer: Kinder- und Jugendtelefon. Nummer gegen Kummer e. V.. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  13. Organisation TelefonSeelsorge Deutschland. TelefonSeelsorge. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  14. Organisation DigiSucht: Digitale Suchtberatung. DigiSucht. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.